Im Theater Heilbronn wird zur Zeit als Gastspiel eine Inszenierung von Jesus Christ Superstar gezeigt, die ursprünglich im Pfalztheater Kaiserslautern beheimatet war und dort im September 2025 erstmals aufgeführt wurde. Die Inszenierung der Regisseurin Pascale-Sabine Chevroton ist eine außergewöhnliche Regiearbeit. Sie verfolgt dabei ihren gewählten Ansatz mit radikaler Konsequenz und kreiert dadurch oft überraschende und tief berührende Gänsehautmomente. Ein fantastisches Orchester und ein perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble runden diese Inszenierung von Jesus Christ Superstar ab. Diese Besonderheit ist über alle Maßen sehenswert.
Inhalt
In Jesus Christ Superstar, uraufgeführt 1971 in New York, erzählen Andrew Lloyd Webber und sein Texter Tim Rice die Geschichte der letzten sieben Tage im Leben des Jesus von Nazareth.
Im Kreise seiner Jünger inklusive Maria Magdalena und Judas Iskariot verbringt Jesus die Stunden vor dem letzten Abendmahl. Dabei zeigen sich die Jünger in rebellischer Aufbruchstimmung, Jesus aber ermahnt sie zur Ruhe, da er merkt, dass sie seine Lehren nicht verstehen. Maria Magdalena kümmert sich um Jesus, kommt dabei aber mit Judas in Konflikt, dem die Bemühungen Marias um Jesus ein Dorn im Auge sind. Simon, der Zelot versucht Jesus davon zu überzeugen, dass die Bewegung um Jesus als Anführer das Zeug hätte, die ungeliebten Römer zu vertreiben. Währenddessen beschließen die Hohepriester, die Jesus als Gefahr sehen, seinen Tod. Pontius Pilatus träumt davon, dass ein Mensch durch den Willen des Volkes zu Tode kommen wird und ihm dafür die Schuld gegeben wird. Währenddessen verzweifelt Jesus an der Aufgabe, umfassend Heil zu bringen und erzürnt sich über die Menschen, die den Tempel zum Schauplatz von zwielichtigen Geschäften machen. Judas glaubt, eingreifen zu müssen, um die Bewegung um Jesus auf dem richtigen Weg zu halten. Er sucht die Hohepriester auf und verrät diesen gegen Geld den Aufenthaltsort Jesus‘.
Am Gründonnerstag kommen die Jünger und Jesus zum Abendmahl zusammen. Dabei geraten Jesus und Judas aneinander, und nachdem Jesus Judas auf den Kopf zusagt, dass er ihn verraten wird, verlässt Judas wütend die Gesellschaft. Im Garten Gethsemane betet Jesus voller Angst vor seinem bevorstehenden Schicksal. Judas taucht auf und küsst Jesus. Auf diese Zeichen hin wird Jesus verhaftet. Weder Pilatus noch Herodes wollen Jesus zunächst verurteilen. Auf Druck des Volkes aber lässt Pilatus Jesus zunächst foltern und schließlich kreuzigen. Nachdem Judas aufgrund seiner Scham Selbstmord begangen hat, taucht er kurz vor der Kreuzigung noch einmal auf, um Jesus spöttisch auf seine Fehler hinzuweisen, die offensichtlich zu seinem Tod geführt haben. Das Stück endet mit Jesus‘ Tod am Kreuz.
Inszenierung
Judas und Jesus als zwei Seiten einer Medaille
Pascale-Sabine Chevroton inszeniert Jesus Christ Superstar modern und in der Neuzeit verortet. Ihr Ansatz lautet: Ohne Judas gäbe es keine Jesus-Geschichte in der Form, wie wir sie kennen. Beider Schicksale ist unauflöslich miteinander verbunden. Judas und Jesus sind quasi zwei Seiten der gleichen Medaille – und das wird schon in der ersten Szenen optisch deutlich: Beide stehen hintereinander, bis sie sich voneinander lösen. Es sieht fast so aus, als würde sich eine Person in zwei Teile teilen, denn beide sind gleich gekleidet ähneln sich auch sonst optisch sehr.
Jesus und Judas bewegen sich im Stück immer wieder voneinander weg und behalten sich doch immer im Blick. Die beiden werden sich aber auch die ganze Inszenierung über immer wieder aufeinander zubewegen, ineinander krallen, miteinander verharren, um bis ans Ende eins zu bleiben.

Im Laufe des Stückes zeigt sich, dass Judas als eine Art Alter Ego von Jesus installiert wurden: Jesus selbst ist eher der entrückte, vergeistigte Teil, quasi die „Idee“, während Judas der Handfeste ist, der, der nahe an der Realität steht und der sieht, wo die Idee mit der Realität in Konflikt gerät und deshalb ins Handeln kommt.
Dieser Ansatz ist zunächst einmal nicht unbedingt neu. Es ist ja mittlerweile weit verbreitet, dass Judas wohl nicht das Böse schlechthin verkörpert, sondern seinen eigenen, wenn auch tragischen Anteil an der Heilsgeschichte um Jesus Christus hat. Die Vehemenz dagegen, mit der diese Idee hier in dieser Inszenierung konsequent weiterentwickelt wird, ist überaus neu und geradezu verblüffend. Radikal belässt Chevroton stets beide Teile – Judas und Jesus – auf der Bühne.
Da gibt es zum Beispiel die Gänsehaut-Szene, in der Judas von den Hohepriestern aufgefordert wird, Jesus zu verraten. In diesem Song (Dammned for all time) verortet Chevroton – anders als gewöhnlich – auch Jesus auf der Bühne. Jede einzelne Zeile des Aufenthaltsorts und -zeit flüstert Jesus Judas ein. Nachhaltig wird hier kolpotiert, dass Judas Jesus nicht aus freien Stücken verraten wollte: Jesus wollte, dass Judas genau das tut, da sonst die Geschichte nicht funktioniert. Was Jesus sich erdacht hat, muss Judas ausführen. Schon vorher im Lied „klaut“ sich Jesus die Liedzeile „I don’t want your blood money“ und erklärt so noch einmal, dass es ihm nie um etwas weltliches ging, sondern dass sein Ansatz zunächst einmal ideell ist.
Auch beim berühmten Gethsemane, diesem grandiosen Solo, bleibt Jesus nicht allein. Judas ist immer da. Wie auch bei den 39 Lashes sowie der Kreuzigung. Bei der Folterung Jesus kniet Jesus unbehelligt und weiß gekleidet da, während Judas hinter ihm stehend die von den Schlägen getroffen wird. Hier wird so durchdringend dargestellt, welches Leid auch Judas auf sich nehmen musste.
Außerdem singt Judas zwar in Judas‘ Death „you have murdered me“ an Jesus gerichtet. Tatsächlich sterben tut er an dieser Stelle aber aber nicht. Er begleitet Jesus zur Hinrichtung und während Jesus über den Köpfen der Zuschauer gekreuzigt wird, steht Judas unter dem Kreuz, ebenfalls mit erhobenen Armen. Als Jesus seine letzten Worte am Kreuz spricht, ist es Judas, der sterbend zu Boden fällt, erst dann lässt auch Jesus den Kopf sinken.

Das ist ein wahnsinnig intensiver und beinahe unglaublicher Moment. Ich fand es großartig, dass diese beiden Männer auch in allerletzter Konsequenz bis zur letzen Minute unauflöslich miteinander verbunden bleiben. Chapeau!
Dieser clevere Ansatz ist nicht einfach Selbstzweck, um eine mal was neues reinzubringen. Ich empfinde das als eine in dieser Form eher seltene tiefgründige Auseinandersetzung mit der Rolle des Judas. Und dafür findet die Regisseurin perfekte Bilder, die nachhaltig auf den Zuschauer wirken. Es macht die Inszenierung zu einem berührenden Erlebnis.
Persönliche Beziehungen bleiben auf der Strecke
Die Zusammengehörigkeit von Judas und Jesus wird durch den Fakt verstärkt, dass deren Beziehung zueinander die einzige persönliche Beziehung überhaupt in dieser Adaption bleibt.
Wenn in der ersten Hälfte Judas und Maria Magdalena aneinander geraten, wenn Fragen aufkommen, wann und wie jetzt gegen die Römer gegangen wird oder die Frage, wieviel Öl zur persönlichen Verfügung kosten darf, dann sehen wir die Jünger auf der Bühne geordnet verteilt auf Stühlen sitzen und aufmerksam zuhören, während im Hintergrund auf Leinwand das Bild eines Parlamentssaales erscheint. Hier wird also debattiert, abgewogen und das nicht auf menschlicher Ebene, persönlich mit und gegeneinander, sondern hier werden politische Ausrichtungen auf den Prüfstand gestellt und diskutiert. Diese Idee wird durchgezogen und gipfelt darin, dass die Jünger im Garten Gethsemane zunächst nicht mal schlafen, sondern Jesus Gebet wie zu Beginn quasi wie einem Debattenbeitrag folgen. Steht gerade keine Debatte an, sprechen die Jünger auch nicht persönlich miteinander, es wird hauptsächlich über Smartphones miteinander kommuniziert.
Maria Magdalena singt Try not to get worried nicht an Jesus direkt gerichtet, sie befindet sich noch nicht mal in unmittelbarer körperlicher Nähe. Sie singt in ein Laptop. Dabei bleibt es Interpretationssache, ob sie mit ihm über einen Chat spricht, oder nur beruhigend auf ihn einsingt und nichts tut, während sie ihrer Arbeit am Computer nachgeht.
Die Frage, ob es in Ordnung ist, Geld für Öl zur Salbung Jesus‘ auszugeben, wird wieder im Plenarsaal diskutiert, die beiden gegnerischen Parteien – Maria und Judas – singen auf verschiedenen Seiten der Bühne in ein Mikrofon Richtung Publikum. Maria trägt mit Jeans und Blazer casual schick und macht einen sehr abgeklärten Eindruck. Die Figur der Maria Magdalena bleibt Jesus bis zum Schluss eher fern und hat so gar nichts mit einer liebenden oder gar der sich nach Jesus verzehrenden Maria gemein. Maria hat ihre „Beziehung“ zu Jesus „vergeschäftlicht“, sie vertritt ihre/ seine Interessen organisiert und planvoll.
Die „dunkle Seite der Macht“, vertreten durch die Hohepriester, Pilatus und Herodes, sind ebenfalls nicht an persönlichem Austausch interessiert. Während die Hohepriester quasi als Vorstandsvorsitzender ihrer „Firma“ „this Jesus must die“ per Handschlag im Ledersessel beschließen, ist Pilatus nur daran interessiert, wie er auf dem Bildschirm rüberkommt. Dazu fängt er sein Pilates Dream nochmal neu an, als er feststellt, dass er ohne Brille auf dem Bildschirm besser rüberkommt. Wenn er über Jesus richten soll, spricht er so gut wie keinen Satz an Jesus gerichtet, sondern auch hier hauptsächlich in die Kameras. Wie in einer Talkshow wird Jesus herumgereicht, auf einen Stuhl gezerrt. Ihm wird ein Mikrofon angesteckt und schließlich übergibt Pilatus nicht die Angelegenheit Jesus, sondern deren Moderation an Herodes.

Während also die, die tatsächlich keine Entscheidungsgewalt haben, nämlich die Hohepriester, einfach beschließen und ihren Plan inhaltlich vorantreiben, sind die Allermächtigsten, die etwas entscheiden dürften, nur an medialer Aufmerksamkeit denn an Inhalten interessiert und treffen entweder keine Entscheidung oder eine erzwungene.
Diese Ideen weben alle miteinander ein sehr eindeutiges und berührendes Bild der durchs Schicksal miteinander verbundenen Männer. Man spürt sehr viel ideelle Überzeugung auf Seiten Jesus und das, obwohl er oft abwesend wirkt. Und dass Judas auf Biegen und Brechen bis zum bitteren Ende für Jesus immer der persönliche Anker bleibt, versöhnt einen mit dieser doch in der Geschichte so unbarmherzig verurteilten Figur. Beide sind so etwas wie eine Insel inmitten von Bewegungsdynamiken und Manipulationsversuchen. Zwar geht es auf der einen Seite zwar unpersönlich aber dennoch demokratisch gesittet zu wie bei den Jüngern im Parlament, andererseits aber wird entweder diktatorisch im Hinterzimmer ein Beschluss gefasst oder das gemeine Volk mittels social media manipuliert, bis es sich gegen Jesus wendet. Meinungen, politische Ideen und persönliche Vorteilsnahme stehen in Fülle gegen Jesus Vision, die allein durch Judas gestützt wird.
Es gehört zu den schmerzhaft schönsten Bildern des Stückes, wie Jesus sich in Judas Arme schmiegt, verzweifelt und allein, als sogar Maria Magdalena ihm in I don’t know how to love him fern bleibt. Die männlich- zärtliche fast väterliche Geste präsentiert eine Innigkeit, die diese Inszenierung ansonsten bewusst vermeidet.
Bühne, Kostüm, Choreographie
Das Bühnenbild ist wie so oft in diesem Stück sehr reduziert. Bisweilen kann die Bühne in zwei Ebenen geteilt werden, die hintere Hälfte liegt dabei etwas höher als die vordere. Ansonsten beherrschen schlichte Requisiten die Szenerie wie die Stühle für die Jünger oder die Talkshowsessel des Pilatus. Den meisten Raum nimmt die Leinwand ein, auf der im Hintergrund Bilder das Geschehen verorten oder damit etwas assoziieren.
Die Kostümideen werden überragt von der Tatsache, dass Judas und Jesus gleich gekleidet sind. Unauffällig in dunkler Jeans und Hemd kommen beide daher, während die Jünger selbst ein relativ buntes Volk darstellen. Hier findet sich noch ein wenig Individualiät.

Das gemeine Fußvolk hingegen kommt in sozialistischen grauen Einheitsuniformen daher und und wird zu einem Arbeiteraufstand aufgebauscht.
Die drei Hohepriester tragen dunkelblaue Businessanzüge. Sehr verdächtig, dass Maria Magdalena ebenfalls in blau erscheint, wenn auch deutlich heller. Pilatus tritt ganz in weiß gekleidet auf. Er präsentiert sich strahlend hell und es ist ja auch Pilatus, der lautstark seine Unschuld (weiß = Unschuld) betonen muss. Zum Ende hin tragen dann alle weiße Käppis, eine, wie Pilatus eine trägt und stellen sich hinter ihn. Alle sind quasi Team Pilatus.
Mitreißend die Choreographie von der Regisseurin selbst. Zum einen greift sie in mehreren Szenen auf ein Ballettensemble zurück, was eine ganz eigene wunderbare Ästhetik erschafft. Zum anderen gefallen auch hier wieder ein paar clevere Ideen:
Beim hymnischen Hosanna zum Beispiel zeigt sich das Volk marschierend und macht aus einem huldigenden Lied ein erschreckend kompromissloses Parteibekenntnis. Auch wenn Simon proklamiert „you’ve got the power and the glory“ wird stellenweise vom Volk synkopisch mitgestampft.
Einzigartige und im Gedächtnis bleibende Bilder entstehen aber immer dann, wenn Judas und Jesus in ihrer Verbindung in den Mittelpunkt rücken.
Nach dem letzten Abendmahl präsentiert die Regisseurin die ganze Tragik dieser Geschichte in einem Bild: Es wird die ganze Verzweiflung dessen gezeigt, dass Judas Jesus verraten musste. Das war so geplant, ohne den Verrat hätte das alles so nicht funktioniert. Jesus singt „will you betray me“ als ganz klare Aufforderung an Judas. Beide mussten sich also opfern. Schmerzlich gebeugt halten sich beide Stirn an Stirn und brechen so zusammen. Es ist ein starkes Bild, denn hier leidet nicht nur Jesus. Stellen andere Inszenierungen die Wut Judas heraus, sein Unverständnis, erfährt man hier echtes Leid der beiden, deren Schicksal so tragisch miteinander verknüpft ist.
Eindrücklich wird auch die Szene in ihrer Bedeutung überhöht, wenn Jesus die Kranken heilen soll. Sie umringen ihn, heben ihn hoch und schon hier erscheint Jesus mit ausgebreiteten Armen gekreuzigt.
Werden beide dann bei Jesus Verhaftung auseinandergerissen, strecken sie ihre jeweils rechte Hand aufeinander zu, die Fingerspitzen berühren sich fast – eine Hommage an Michelangelos Die Erschaffung des Adam. Mit der Erschaffung des ersten Menschen begann das Leben in der Menschheitsgeschichte. Mit der Verhaftung und mit der darauffolgenden Leidensgeschichte samt Kreuzigung und der darauffolgenden Auferstehung beginnt für Christen ein neues Leben. Pascale-Sabine Chevroton referenziert übrigens noch auf ein anderes berühmtes Gemälde: Da Vincis Das letzte Abendmahl.
Orchester / Chor / Ballet
Großer Applaus für das Orchester der Pfalztheaters Kaiserslautern. Unter dem engagierte Dirigat von Oliver Pols webt es fantastische und perfekt aufeinander abgestimmte Klangteppiche. Die Rockmusik ist treibend, dabei aber super präzise und fein gespielt.
Der Chor wiederum war in seiner Fülle absolut beeindruckend. Schön, das Stück in so einer Stimmgewalt zu hören!

Dass mich das Ballett begeistert hat, war schon oben kurz zu lesen. Es gibt einzelnen Szenen einen tollen Look und steuern die Aufmerksamkeit, so dass manche Szene einfach gewichtiger wirkt. Toll eingesetzt, perfekt umgesetzt.
Diese künstlerischen Sparten aus Musik und Tanz waren glänzend ineinander verwoben. Selten war das so eine runde Sache wie hier!
Darsteller und ihre Rollen
Gunnar Frietsch: Jesus und Lucius Wolter: Judas
Gunnar Frietsch ist ein absolutes Highlight in dieser Rolle. Man muss allerdings zunächst damit klar kommen, dass die Hauptfigur sehr passiv angelegt ist und dadurch sehr blass wirkt. Jesus ist hier eher der vergeistigte Typ, wenig im Hier und Jetzt verhaftet. Ein immer leiser Jesus. Eher entsetzt als wütend, eher verletzt und verzweifelt, nachdenklich, um dann wieder erstaunlich klar auf ein Ziel hinzuwirken. Allerdings erscheint er zuehmend als Idee. Oft verharrt er mit Blick ins erhöhte Nirgends, deutet so an, dass sein Plan einer anderen Sphäre angehört.


Die Rolle ist deshalb so angelegt, weil gezeigt werden soll, dass das Konzept „Jesus“ und sein Schicksal alleine gar nicht funktionieren würde. Gunnar Frietsch muss quasi eine Hälfte seines zu spielenden Charakters auslagern an seinen Spielpartner. Das finde ich eine spannende Herausforderung, die Gunnar Frietsch mit seinem Gegenüber Lucius Wolter perfekt umsetzt. Ihre unglaublich gute Abstimmung zeigt beide in inniger und gleichzeitig schmerzlicher Beziehung. Stimmlich ist er überaus präsent, das Gethsemane, gemeinhin als schwerstes und dabei aber überaus bekanntes männliches Solo im Musicalbereich bringt er ausdrucksstark auf die Bühne, bis in die fabelhafte Kopfstimme.
Judas Lucius Wolter steht dem in nichts nach. Er ist der, der handelt, der kraftvolle. Ist Jesus die ideelle Seite der Medaille, dann ist Judas die reale. Er bekommt nicht Jesus Ruhm ab, weder zu Jesus Lebzeiten noch posthum. Die Inszenierung rückt sein Leid beziehungsweise sein nicht weniger großes Opfer in den Mittelpunkt. Lucius Wolter breitet die Tragik der Person nachdrücklich aus, sein Handeln ist in jedem Moment glaubhaft. Man empfindet so viel Empathie und Mitleid mit dieser Figur, die Jesus beisteht, wo Jesus sonst von keinem anderen Unterstützung erfährt. Gesanglich überzeugt er ebenso wie Frietsch.
Das Zusammenspiel beider beinhaltet eine Vielzahl von Gänsehaut-Momenten, denn das Band zwischen beiden ist deutlich spürbar.
Valerie Gels: Maria Magdalena
Valerie Gels als Maria Magdalena war hier nicht Liebende oder Verehrerin, sondern in Blazer und Jeans die casual schick gekleidete „Fraktionssprecherin“ der Jesus-Anhänger. Dabei zeigte sich organisiert und engagiert. Eine face to-face Begegnung von ihr und Jesus wird vermieden, es besteht wenn dann nur eine rudimentäre persönliche Beziehung.

Auch nach Jesus Tod kommt sie zunächst allein dazu, bleibt aber in der Distanz, die schon das Stück über spürbar ist. Das ist über alle Maße irritierend, man hat eine andere Vorstellung. Dagegen anzuspielen ist schon eine Herausforderung, die Gels wunderbar meistert. Sie fügt sich nahtlos in diese Inszenierung ein und gefällt stimmlich sehr.
Arkadiusz Jakus: Kaiaphas und Chris Green: Annas
Wow, die Stimme von Arkadiusz Jakus war irre beeindruckend. Mühelos und voll nahm er die tiefen Töne und ließ eben diesen Bass entschlossen klingen und zeigte dabei eine ganz eigenen ruhige Gefährlichkeit zeigte. Chris Green gab dazu als Handlanger, Zubringer, rechte Hand einen penetranten Annas, der mich ebenso stimmlich voll überzeugte.


Fazit
Jesus Christ Superstar gehört zu meinen Lieblingsstücken und macht mir sicherlich immer Spaß. Aber diese Inszenierung hat darüber hinaus einen speziellen Reiz: Der Ansatz, dass Judas und Jesus schicksalhaft über das ganze Stück über bis zum bitteren Ende miteinander verbunden bleiben, ist so konsequent durchgezogen, dass es mich schlichtweg begeistert hat. Die ganze Tragik beider Schicksale wurde selten so deutlich auf die Bühne gebracht. Dabei entstehen wahnsinnig beeindruckende Bilder und Sequenzen. Es ist tatsächlich eine bekannte Geschichte nochmal neu interpretiert und zwar in Perfektion.
Die Inszenierung ist eine beeindruckende Regiearbeit von Pascale-Sabine Chevroton, die sich dabei auf ein fantastisches Orchester und perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble stützen kann. Eine wirklich besondere Adaption des Pfalztheaters Kaiserslautern, das noch an ausgewählten Termin als Gastspiel im Theater Heilbronn zu sehen ist. Unbedingte Empfehlung.
Weitere Spieltermine 2026:
- 14./ 21./ 26. April 2026
- 2. Mai 2026
- 5./ 6./ 21. Juni 2026
- 2./ 3. Juli 2026
Alle Szenenfotos: Thomas Brenner und Andreas Etter für Pfalztheater Kaiserslautern/Theater Heilbronn. Schlussapplausfotos: Dr. Joachim Schlosser Fotografie und Julia Stöhr-Schlosser.













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