Das im Festspielhaus Neuschwanstein aufgeführte Musical Rudolf – Der letzte Kuss hatte seine Uraufführung bereits 2006 in Budapest. Es erzählt die letzten Monate von Rudolf, Sohn von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Sisi und damit von Geburt Kronprinz des Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Die tragische Liebesgeschichte, die mit dem Tod der Hauptfigur und seiner Geliebten endet, wurde von Frank Wildhorn vertont und hatte seine deutschsprachige Erstaufführung am 26. Februar 2009 im Raimund Theater in Wien unter dem Titel Rudolf – Affaire Mayerling.
Das Stück wurde damals von der Kritik nicht unbedingt euphorisch aufgenommen wurde, scharte aber sehr schnell eine große Fangemeinde hinter sich. Großen Anteil daran hatte die Musik von Frank Wildhorn. Der Erfolgskomponist zeigt sich verantwortlich für große Pophits wie z. B. Whitney Houstons Where do broken hearts go und verfasste darüber hinaus mehrere Erfolgsmusicals. Bei uns bekannt sind vor allem Jekyll & Hyde, Dracula, Der Graf von Monte Christo, Bonnie & Clyde, Artus Excalibur.
Die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) unter der Intendanz von Christian Struppeck betrauten Alex Balga mit einer Neuinszenierung des beim Publikum sehr beliebten Stückes und holten dazu das Festspielhaus Neuschwanstein mit ins Boot. Am Fuße der beiden Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau also soll der Kronprinz erneut sein tragisches Schicksal erleiden. Das ist sehr sinnig, besteht eine – wenn auch eher lockere – Verbindung zum Märchenkönig Ludwig: Sisi war Ludwigs Cousine und Rudolf somit weitschichtig ebenfalls mit Ludwig verwandt. Wohin sonst hätten die VBW also ein Stück, dass sich mit österreichischer Geschichte befasst und damit nur rudimentäre Beziehungen zu Deutschland hat, ziehen lassen können?
Trotz aller Beliebtheit sind Neuinszenierungen auch immer ein Wagnis, aber um eines vorweg zu nehmen:
Alex Balgas Inszenierung von Rudolf – der letzte Kuss ist ein grandioses Meisterwerk. Dem Zuschauer entfaltet sich auf der Bühne eine komplexe, über alle Maßen mitreißende Geschichte. Die vielschichtig gezeichneten Charaktere agieren inmitten eines monumentalen Bühnenbildes. Das neue musikalische Arrangement von Koen Schoots und die phänomenale Leistung der Darstellerinnen und Darsteller tragen darüber hinaus dazu bei, dass diese starke Produktion unbedingt eine Reise nach Füssen wert ist.
Inhalt
1. Akt
Es beginnt – anders als in der Urfassung – mit dem Tod von Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera. Schüsse fallen und Menschen rufen nach Rudolf und versuchen verzweifelt, in das Zimmer zu gelangen, in denen zwei Leichen liegen.
Die drei Herren, die schließlich den Schauplatz der Tragödie inspizieren, sind sich schnell einig: „Das hier darf nie nach außen dringen. Alles, was hier ist, hat nie existiert.“
Ein Szenenwechsel führt uns in der Zeit zurück nach Wien, wo am 14. Oktober 1888 die feierliche Eröffnung des neuen Burgtheaters am Ring in Wien stattfand. (K.K. Hofburgtheater Vorhang auf; Ensemble) Neben Kaiser Franz Joseph ist auch Graf Taaffe, der Premierminister, anwesend sowie Kronprinz Rudolf und seine Frau Stefanie. Vorgestellt werden außerdem Gräfin Larisch, eine Cousine Rudolfs, und Baronesse Mary Vetsera.
Die Eröffnungsvorstellung wird von revolutionären Protesten gestört. Arbeiter machen die Monarchie für die sozialen Ungleichheiten im Land verantwortlich.

Auf dem Höhepunkt dieses Aufstandes zieht eine Arbeiterin eine Pistole, richtet sie zunächst auf den Kronprinz, der deeskalierend wirken will. Schließlich aber richtet sie die Waffe gegen sich selbst und erschießt sich. Rudolf ist über diese radikale Tat bestürzt, versteht aber deren Motivation und zieht erste Parallelen zu sich selbst (Ein Mann wie jeder Mann – Prolog; Rudolf). Flüchtig begegnet er hier der jungen Baronesse Mary Vetsera.
Rudolf versteht den Selbstmord als Zeichen der Zeit und fordert von seinem Vater Reformen, die die Ungleichheiten zwischen dem einfachen Volk und dem Adel mindern.

Der konservative Kaiser weist seinen Sohn schroff zurück. Er legt seine Ablehnung von allem Neuen dar und beklagt sich über einen gewissen Julius Felix, der im Wiener Tagblatt lange Leitartikel mit reformierenden Ideen veröffentlicht. Es wird vermutet, dass ein Mitglied des Kaiserhauses diese Artikel unter dem Pseudonym Julius Felix schreibt. Tatsächlich ist es der Kronprinz selbst, der so Gehör für seine Ideen finden will. Sein Vater möchte nämlich von Rudolfs revolutionären Ideen nichts hören. (Kannst du nicht hören; Rudolf, Franz-Joseph). Rudolf hingegen hat eine klare Vision davon, wie das Kaiserreich modernisiert werden muss, um den Erfordernissen der Zukunft gerecht zu werden. Allerdings findet er keine Verbündeten für seine Ideen. (Wohin geht der Weg; Rudolf)
Im winterlichen Wien (Das gibts nur bei uns; Ensemble) ist Mary mit Gräfin Larisch unterwegs. Die Gräfin versucht, Mary den Herzog von Braganza als zukünftigen Ehemann schmackhaft zu machen. Mary will davon nichts wissen. Sie sucht einen Mann mit Haltung und eigenen Ideen. Die Gedanken von dem ihr unbekannten Julius Felix findet sie überaus interessant (Marys Lied; Mary)
Auf dem abendlichen Ball (Der Ball; Ensemble) wird Rudolfs liberale Weltsicht einmal mehr offensichtlich, als er sich mit dem konservativen deutschen Kaiser Wilhelm anlegt, der vom Kaiser Franz Joseph als Vorbild gelobt wird. Eine erneute Begegnung mit Mary Vetsera enthüllt, dass beide moderne Ansichten teilen. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, was auch Rudolfs Ehefrau Prinzessin Stefanie nicht entgeht. Sie beklagt daraufhin im Stillen ihr Leid, dass sie am Hof in ihrer arrangierten Ehe einsam ist, da Rudolf sie nicht liebt. (Zu zweit allein; Stefanie)
Der überaus intelligente Rudolf, von jeher von seinem Vater klein gehalten und nicht ernst genommen, spürt sich und seine Gedanken durch die Begegnung mit Mary bestätigt. Vom Aufbrechen neuer Gefühle und von Mary erzählt er bei einem Besuch im Bordell (Salon Apocalypse; Ensemble) der Prostituierten Mizzi, seiner langjährigen Geliebten und Vertrauten.

Auch Mary macht sich Gedanken über die Gefühle, die die Begegnung mit Rudolf ausgelöst hat. (Viel mehr; Rudolf, Mary, Stefanie)
Graf Taaffe setzt seinen Spitzel Willigut auf Rudolf an, um von der sich anbahnenden Liaison von Mary und Rudolf über Rudolfs fortschreitende liberalen Tendenzen weiter auf dem Laufenden gehalten zu werden. (Ich halt die Fäden in der Hand; Graf Taaffe) Er ahnt, dass Rudolf Julius Felix sein könnte und gibt die Verwüstung der Redaktionsräume als Warnung an Szeps in Auftrag.
Der Kronprinz trifft in der zerstörten Redaktion auf Moritz Szeps, dem Herausgeber des Wieder Tagblattes, sowie den ungarischen Grafen Andrassy und Karolyi. Man fordert von Rudolf ein radikales Bekenntnis zu seinen stets nur theoretischen liberalen Ideen. Rudolf soll mittels seiner Unterschrift eine zukünftige Zweistaatenlösung unterstützen: Österreich trennt sich in zwei Reiche, Rudolf soll König von Ungarn werden. Der Kronprinz ist überfordert und bittet sich Bedenkzeit aus. (Bringen wir’s zu Ende; Moritz Szeps, Graf Andrassy, Graf Karolyi, Heinrich Vogelsang).
Als nur noch Rudolf in der Reaktion ist, betritt Mary die Räume, um per Anzeige in der Zeitung Julius Felix zu finden. Der Kronprinz gibt sich zu erkennen. Die Begegnung wird ausgelassen beim Eislaufen fortgesetzt. (Eislaufverein; Ensemble). Mary und Rudolf gestehen sich ihre Zuneigung (Im Moment, als ich dich sah; Rudolf, Mary).

Allerdings empfindet Rudolf sein Leben und ein Zusammensein mit Mary sehr kompliziert. Er erzählt Mary von seinem Schloss Mayerling, wo er ganz er selbst sein kann.



Derweil versucht Graf Taaffe mit allen Mitteln, dem Kronprinzen in die Parade zu fahren. Er lässt Gräfin Larisch zu sich zitieren, um sie davon zu überzeugen, belastende Dokumente gegen ihren Cousin Rudolf zu beschaffen. Er bedrängt sie und es wird klar, dass beide mal ein Verhältnis miteinander hatten. Aber Gräfin Larisch bleibt standhaft (Furcht und Verlangen; Graf Taaffe, Gräfin Larisch).
Mary bestärkt Rudolf darin, seinen Visionen zu folgen. (Die Zeit ist da; Rudolf).
2. Akt
Mary und Rudolf verbringen die Nacht miteinander in der Hofburg. Rudolf hat einen fürchterlichen Albtraum, die ihm die schlimmsten Erlebnisse seiner Kindheit nochmal vor Augen führen. Noch immer kann er sich nicht zwischen Pflicht und Gefühl entscheiden. Mary bestärkt ihn und appelliert an seine Liebe zu ihr und zu seinen Ideen. (Tu das, was dir die Liebe sagt; Mary)
Schließlich werden sie von Stefanie ertappt.

Mary flüchtet aus dem Schlafzimmer, und Stefanie erklärt ihrem Mann, dass sie zwar gegen seine Liebeleien nichts ausrichten kann. Aber da sie offizielle Kronprinzessin ist, sei er sowieso ein Leben lang an sie gekettet. Er werde seine Liebe zu Mary nie öffentlich ausleben dürfen. (Ich bleibe hier; Stefanie)
Der Kaiser hat erfahren, dass Rudolf beim Papst um die Auflösung seiner Ehe gebeten hat. Aufgebracht stellt er unmissverständlich klar, dass dies nicht passieren werden. Außerdem dürfe Rudolf ab sofort keine Reden und öffentliche Auftritte mehr absolvieren.
Daraufhin bricht Rudolf verzweifelt zusammen. Er wünscht sich ein Leben weit weg von allen kaiserlichen Verpflichtungen. (Ein Mann wie jeder Mann, Rudolf) Er flieht zu Mizzi ins Bordell und bedrängt sie, mit ihm gemeinsam zu sterben, aber Mizzi lehnt ab. (Salon Apokalypse -Reprise- Ensemble) Mary findet ihn und wäscht ihm gehörig den Kopf. Sie beteuert wieder ihre Liebe zu ihm und bestärkt ihn erneut, so zu handeln, dass er für sich ein reines Gewissen habe. (Was bin ich wirklich wert; Rudolf, Mary)
Von Mary bestärkt und mit neuem Mut taucht Rudolf auf der Eröffnung der Weltausstellung auf und unterbricht Taaffe in seiner Eröffnungsrede. Er selbst spricht zum Volk und webt die Vision einer Welt, in der die Menschen gleiche Rechte haben und jeder seinen individuellen Traum folgen darf. (Auf der Schwelle der Zukunft; Rudolf, Ensemble)
Gräfin Larisch sieht diese Entwicklung sorgenvoll, sie hat eine dunkle Vorahnung und sieht die Zuspitzung der Ereignisse und dass die Liebe, die Rudolf dazu veranlasst hat, zu sich zu stehen, sein Untergang sein wird. (Die Liebe lenkt; Gräfin Larisch)

Graf Taaffe dringt in die Privaträume des Kronprinzen ein und trifft dort auf Mary. Er bietet ihr Geld und Sicherheit, wenn sie im Gegenzug Rudolf verlässt. Doch auch Mary bleibt standhaft und stürmt aus dem Zimmer. (Jeder hofft bis zuletzt; Graf Taaffe, Mary) Sie flüchtet in die Augustinerkirche. Dort trifft sie auf Stefanie. Diese macht deutlich, dass Mary gegen die offizielle Verbindung von Stefanie zu Rudolf keine Chance hat. (Ich bleibe hier – Reprise; Stefanie).
Rudolf trifft in Gräfin Larischs Hotelzimmer ein. Die Gräfin warnt auf Rudolf, sich nicht gegen den Vater zu stellen. Aber Rudolf ist entschlossen, das spaltende Dokument unterschreiben. Als Mary ebenfalls auftaucht, rät er ihr, den Herzog von Braganza zu heiraten. Mary ist am Boden zerstört.
Rudolf unterschreibt das Dokument, das die Zweiteilung Österreich-Ungarns fordert. (Bringen wir’s zu Ende – Reprise; Rudolf, Ensemble)
Kaiser Franz Joseph bekommt besagtes Dokument in die Hände gespielt. Vor Rudolfs Augen verbrennt er es und schließt außer sich vor Zorn Rudolf von der Thronfolge aus.

Als der Kaiser die Räume verlassen hat, tritt Graf Taaffe noch einmal nach und betont ebenfalls, dass mit Rudolf nun auch alle seine Zukunftsvisionen für das Reich Österreich-Ungarn kaltgestellt werden.
Rudolf sieht jetzt keinen Ausweg mehr. Er beschließt seinen Selbstmord in dem Wissen, dass er damit auch die Mary, die Liebe seines Lebens, verletzt. (Wo geh ich hin; Rudolf)
Schließlich verabschiedet er sich von Gräfin Larisch, Mizzi und Stefanie und fährt mit Mary, die erneut beteuert hat, immer an seiner Seite zu bleiben, nach Mayerling. Dort fallen die tödlichen Schüsse. Das Musical endet mit den entsetzten Gesichtern von Gräfin Larisch, Mizzi, Stefanie und dem Kaiser, als sie jeweils die Todesnachricht erhalten. Währenddessen tanzt der kleine Prinz Rudolf im Sonnenstrahl.
Buchüberarbeitung der Neuinszenierung
Christian Struppeck, Intendant der Vereinigten Bühnen Wien, fasst die Eckpunkte der neuen Inszenierung folgendermaßen zusammen:
Wir haben die Dialoge geschärft, die Charaktere vertieft.
Die Charaktere sind tatsächlich deutlicher in die Tiefe gearbeitet. Dafür wurden zusätzliche Szenen eingefügt: Rudolfs Traum etwa offenbart seine schlimme Kindheit. Ohne Zuneigung der Mutter wird das sensible Kind mit militärischem Drill erzogen, gefügig gemacht, auf Linie gehalten und so für sein weiteres Leben geprägt. Die emotionale Leere, die er beständig versucht, zu füllen und erst in Mary ein Ziel findet, sind die Folge. Aber auch die Ablehnung von Autoritäten und das Infragestellen der alten Ordnung werden so unterfüttert.
Diese Einstellung zog auch die Ablehnung eines Bündnisses mit Deutschland mit sich. Wie sehr Rudolf gegen ein solches Bündnis ist, spitzt sich auf der persönlichen Ebene deutlich zu: Er greift Wilhelm, der ihn provoziert hat, sogar körperlich an. Die Tatsache, dass persönliche Konflikte im Kaiserhaus niemals nur persönliche Konflikte bleiben, sondern politische Bedeutung haben, und es ist anders herum ebenso verhält, ist eine der Tatsachen, die die Neuinszenierung viel stärker betont.
So auch Gräfin Larischs Figur. Sie zeigt ganz deutlich, dass der Wiener Hof eine Art Haifischbecken darstellt, an dem man genau schauen muss, wem man vertraut und wem nicht. Sie muss sich mit aller Kraft den Machtspielen des Premierministers erwehren. Dass beide eine gemeinsame Vorgeschichte haben, involviert Graf Taaffe über die politischen Motiven hinaus auch noch persönlich.
Auch Prinzessin Stefanies Schmach, eine betrogene Ehefrau zu sein, bleibt nicht isoliert. Sie ist hier nicht nur eine rachsüchtige Ehefrau, sondern vielmehr eine sehr jung verheiratete Frau, die die Einsamkeit einer arrangierten Ehe an der Seite eines ihr gegenüber lieblosen Ehemannes in einem fremden Land ertragen muss. Die Aufwertung ihrer Rolle hat eine viel stärkere Zuspitzung des Konflikts zur Folge. Das ursprüngliche Duett von Rudolf und Mary So viel mehr wird um Stefanie zu einem Terzett erweitert. Im ersten Lied der Zuneigung der beiden wird schon das Drama der betrogenen Ehefrau involviert.

Die Liebe von Rudolf zu Mary Vetsera hat so eine schicksalshaften persönlichen Einfluss über die beiden Liebenden hinaus auf Dritte, und darüber hinaus auf die politische Ebene.
Das ganze Stück gewinnt deutlich an Tiefe, wird von einem Liebesdrama zu einer komplexen Verstrickung von politischen und persönlichen Schicksalen.
Darüber hinaus bringt Struppeck einige zusätzliche historische Wahrheiten mit ins Stück. So fordert Rudolf zunächst seine Geliebte, die Prostituierte Mizzi auf, mit ihm gemeinsam Suizid zu begehen. Diese Tatsache ist historisch belegt, ebenso wird berichtet, dass Rudolf Mizzi bei seiner letzten Verabschiedung ein Kreuz auf die Stirn zeichnete.
Inszenierung von Alex Balga
Alex Balga ist bekannt für seine expliziten Inszenierungen, deren Bildsprache eindeutig ist.
Bühne
Alex Balgas Inszenierung von Rudolf gelingt in dieser Tradition sehr klar: Balga inszeniert eine historisch eindeutig verortete Liebesgeschichte. Die Wiener Schauplätze betten das Geschehen in seine ursprüngliche Umgebung ein.
Der für das Bühnenbild verantwortliche Morgan Large sagt zu seiner Arbeit:
„Diese Ereignisse hatten enorme Konsequenzen. Was diesen Menschen widerfahren ist, hat letztlich die Welt verändert. Diese historische Dimension wollen wir unbedingt sichtbar machen.“ Und so erhebt sich passend zu den projizierten Bildern des kaiserlich-historischen Wiens im Hintergrund auf der Bühne des Festspielhauses Neuschwanstein ein wahrhaft majestätischer zweigeschossiger Rundbau in der Mitte der Bühne. Auf der einen Seite ist der Aufgang eine breite Treppe. Hier regiert der Pomp, die Repräsentation in majestätischer Breite.
Auf der anderen Seite steht eine Wendeltreppe für beengte Wohnverhältnisse. Spannenderweise ist die Wendeltreppe aber im Mittelalter ein Symbol für spirituelles Wachstum und dem Weg zu Erleuchtung gewesen und damit folgerichtig auf der Gegenseite der Habsburger Treppe angesiedelt.
Insgesamt verdeutlicht die Wuchtigkeit der dreigeschossigen Konstruktion mit all ihren detailreichen Verzierungen den Prunk und die Opulenz im Kaiserreich. Dieses Konstrukt ragt aber auch bildlich hoch über die Protagonisten auf, beherrscht sie geradezu. Es steht stellvertretend für all die historische Bauten, die noch heute vom Leben dieser Zeit zeugen.
Überdies erlaubt der Rundbau reibungslose Ab- und Aufgänge. So positionieren sich die Protagonisten der folgenden Szene schon, während die andere Szene noch läuft. So werden runde Verbindungen geschaffen, alles läuft ineinander über, es wird hier nichts verschenkt oder verzögert.
Da die sozialen Ungleichheiten – auf der einen Seite der prunkverwöhnte Adel, auf der anderen Seite die notleidende Unterschicht – Ausgangspunkt des Stückes und Rudolfs Gedankenwelt sind, ist es nur folgerichtig, dies auch auf der Bühne so massiv zu installieren. Denn das gemeine Fußvolk bespielt nur den unteren Teil. In den ersten und zweiten Stock begeben sich nur die höheren Herrschaften. So macht sich beispielsweise Stefanie für den Ball fertig eben auf erhabener Position. Das ist nicht nur sinnig, weil sie dort besser für den Zuschauer sichtbar ist. Sie zeigen die erhöhte Position der Kaiserfamilie.

Dies gilt für den Kaiser noch einmal in besonderem Maße: Übermäßig groß überstrahlt das Wappen von Kaiser Franz Joseph die Szenerie in der Hofburg. Einschüchternd wirkt es und verdeutlicht damit das Wesen der Regierungszeit Franz Josephs: Der Kaiser steht über allem. Auch über seinem Sohn, dem Thronfolger.

Insgesamt ist die Bühne eher dunkel gehalten. Das gibt der Szenerie manchmal etwas sehr Erhabenes, oft aber betont es die düstere Situation. Mit Farben geht man eher spärlich um, wenn dann aber der Sinnbildlich:
Die Weltausstellung, die fortschrittliche Techniken wie Telefon und Fotografie zum Thema hat, leuchtet gar in Grün, der Farbe der Hoffnung.

Sind am Ende die Liebenden allein, sind sie nur noch von der Liebe umgeben. Entsprechend sind sie in rotes Licht getaucht:

Kostüme (Aleksandra Kica)
Die Kostüme sind allesamt eine optische Freude, es wurde eine wunderbar stimmige Vielfalt geschaffen, unter denen Mary Vetsera heraussticht: sie gefällt durchweg mit einem feinen modischen Erscheinungsbild und hebt sich so augenscheinlich ab vom Kleidungsstil der anderen adligen und konservativen Frauen. Ihrem Charakter entsprechend wirkt sie sehr viel fortschrittlicher, moderner, ohne, dass sie komplett aus der Rolle fällt. So trägt sie im Gegensatz zu ihren Mitspielerinnen als einzige keine an den Hüften ausladenden Rock. Stattdessen lenken ausladende Puffärmel den Blick von den Hüften – Sinnbild für Gebärfreudigkeit – hin zu den Oberarmen eine Frau, die zupacken kann. Mit schmalem Rock und dem obligatorischen Korsett wirkt sie modern elegant.

Insgesamt sind die Kostüme eher gedeckt gehalten, bunte Farben fehlen in Gänze.
Kostümbildnerin Aleksandra Kica sagt: „Es war eine sehr unruhige politische Zeit in ganz Europa – und genau das wollten wir auch über Farben und Stoffe spürbar machen. ob jemand in süßen Pastellfarben über die Bühne läuft oder ob alles dunkler und düsterer ist, macht für die Wirkung einer Figur einen enormen Unterschied.“
Gräfin Larisch ist das Bindeglied zwischen dem konservativen Hause Habsburg und der modernen Gesellschaft. Ihr Kleidungsstil ist eher konservativ, aber ihre hohe, strukturiere Frisur strahlt Eleganz und Extravaganz gleichermaßen aus, als würde sie ihre weibliche Stärke offen für alle zur Schau tragen.
Licht (Michael Grundner) und Ton
Ausdrücklich hervorzuheben sind Licht und Ton. Am Premierenabend war der Ton so fein abgestimmt, dass man jedes Wort von jeder Sänger/Sängerin einwandfrei verstand. Der Klang der Musik perlte bis in die Höhen, sauber und nicht klirrend, unten mit satten, aber nicht dröhnenden Bässen.
Die Lichtregie arbeitet viel mit royalem, dunklem blau. Erscheint der Vorhang rot, dann ist auch das sehr dunkel gehalten. Grau und anthrazit beherrschen das Bild. Oft sind die Scheinwerfer in einzelne Strahlenbündel geteilt, die teils von oben und hinten, teils von der Seite Effekte auf die Szenerie geben. Klug sind an entsprechenden Stellen einzelne Darsteller strikt von oben angeleuchtet und somit im Halbschatten. Das ganze ist präzise auf die Musik abgestimmt, wie man das aus Wien kennt. Insgesamt ist die Beleuchtung mit das Stärkste, das in Füssen bislang zu sehen war.

Orchester (Musikalische Leitung: Koen Schoots)
Im Festspielhaus Füssen präsentiert für diese Inszenierung ein Live-Orchester. Das Bohemian Symphony Orchester Prague spielt unter der Leitung von Koen Schoots, der auch für ein neues musikalisches Arrangement verantwortlich zeichnet.
Einmal mehr ist hier Koen Schoots Klasse zu bewundern. Der Meister des Musicals findet auch für diese Neufassung wie gewohnt genau die richtige Zusammensetzung der Musiker.

Sein Arrangement gelingt mit traumhafter Sicherheit in jeder Szene, die gegensätzlicher ja nicht sein könnten: Den großen Ensemblenummern verleiht er einen geradezu majestätischen orchestralen Glanz im Ballsaal oder eine ganz besondere Beschwingtheit beim Eislaufen. Die intimen Momente begleitet er hingebungsvoll. Große Orchestermomente und kleine Instrumentierungen haben ihren Platz, E-Gitarren und Streicher wirken mit Oboe und Harfe wunderbar zusammen.
Entweder leidenschaftlich-verzweifelt oder herausfordernd und laut: Bei Koen Schoots sind alle erdenklichen Stimmungen bestens aufgehoben. Er nimmt sich und seinem Orchester stets die Breite, die es benötigt, um sich dann an den Solistenstellen anzupassen, ohne dabei vollends unterzugehen. Das Orchester reagiert auf sein Dirigat perfekt.
Choreographie
Die Ensembleszenen sind meiner Ansicht nach von jeher gesanglich das Aushängestück des Musicals. Auch die Choreographie weiß, stilsicher damit umzugehen. Wunderbar gelingt zum Beispiel die Eislaufszene, in der sich das Ensemble auf Rollschuhen auf einem Eislaufplatz bewegt. Wie sich die Menge immer wieder zusammenfindet zu einer choreographierten Bewegung, wie sie sich wieder teilt und erneut am Geländer vorne zusammenkommt.
Zu Beginn des zweiten Aktes hat Rudolf einen Albtraum: Der kleine Rudolf wird eingekreist von Soldaten, es wird auf ihn angelegt. Der große Rudolf wird mit hineingezogen. Aufeinander zumarschierend über Stühle gehen beide aufeinander zu. Sisi taucht auf, weist den kleinen Rudolf zurück. Beklemmend gelingt diese Zusammenfassung der Kindheitswunden Rudolfs.

Gräfin Larisch Lied nach Rudolfs Schwelle der Zukunft ist ein kleines bedrückendes Meisterwerk für sich. Die Gräfin hat dunkle Vorahnungen und zwar nicht nur bezüglich des Liebespaares, sondern auch für die Monarchie: Nach Rudolfs Rede friert die Szene ein. Gräfin Larisch besingt Rudolfs Schicksal, dass sich gegen ihn wenden wird. Währenddessen fallen Schüsse und die Leute, das Volk, geht nach und nach in Zeitlupe getroffen zu Boden. Eine beklemmende Szene, die nicht nur Rudolfs Ende ahnen lässt, sondern auch das derer, die Rudolfs Visionen gefeiert und geteilt haben, schlussendlich das der Monarchie.
Beinahe prophetisch klingen da ihre Zeilen:
Wenn die Zukunft kommt, was geschieht mit dir
wenn die Zukunft kommt, bist du dann noch hier?
Explizit gerät auch Rudolfs Nähe zu allem, was betäubt. Aus einer immer wieder hervorblitzenden Neigung zum Alkohol in der alten Fassung wird hier ein offen zur Schau gestelltes Drogenproblem.
Den Spitzel Willigut, der Rudolf im Auftrag von Taaffe beschatten soll, wird sehr tollpatschig dargestellt. Was eigentlich nicht so recht in die eher drückende Atmosphäre passt, heitert nicht nur die ohnehin einzig ausgelassene Szene am Eislaufplatz weiter auf. Der eher lächerlich angelegte Willigut entlarvt dabei überhaupt das Groteske der Situation, dass der Kronprinz derart engmaschig beschattet wird.
Insgesamt findet Alex Balga für seine Inszenierung von Rudolf bildhafte und explizite Szenen, die auch der Vielschichtigkeit der Charaktere und die Komplexität ihrer Beziehungen untereinander gerecht werden. Alle Gewerke verbindet er gekonnt zu einem überragenden Ganzen, fabelhaft steigern sich die Szenen, so dass die Tragödie immer intensiver und auswegloser an Fahrt gewinnt. Ein aufmerksam und durchdacht angepassten Buch findet hier seine exzellente Umsetzung auf der Bühne.
Für Rudolf-Kenner: Änderungen zur Wiener Fassung 2009
Änderungen der Story
- Das Ende wird an den Anfang genommen: Die tödlichen Schüsse im Dunkeln fallen in dieser Version schon zu Beginn. Es endet dafür mit dem Entsetzen derer, die Rudolf zurücklässt. Dies ist für mich ein echter Gewinn: Die Tragik wird noch viel deutlicher: Egal, ob die Beziehung zu Rudolf einfach war oder nicht: Dieses Ende hätte sich keiner für ihn gewünscht.
- Gräfin Larischs Lied Ein hübscher Krieg wurde gestrichen. Dafür hat sie jetzt ein Duett mit Graf Taaffe. In diesem bedrängt sie Taaffe, belastendes Material gegen Rudolf zu beschaffen. Beide hatten früher eine kurze Affäre und offenbar hat sie schon einmal kompromittierendes über das Kaiserhaus weitergegeben. Möglicherweise wird darauf Bezug genommen, dass nach Rudolfs Tod die Larisch immer wieder versuchte, aus ihrer Nähe und ihrem Insiderwissen über die Habsburger Kapital zu schlagen
- Stefanie bekommt ein eigenes Lied über die Einsamkeit in ihrer Ehe Zu zweit allein Außerdem ist sie Teil des Liedes So viel mehr. In der Augustinerkirche singt sie eine Reprise von Ich bleibe hier.
- Die Ablehnung Wilhelms durch Rudolf werden als Konflikt deutlich offener ausgetragen: Sie gehen sich verbal stärker an, Rudolf geht körperlich auf Wilhelm los.
- Das Auftauchen von Klein-Rudolf ist ebenfalls eine Neuheit: Er taucht auf in der Albtraumsequenz zu Beginn des zweiten Aktes und am Ende.
- Politik: In der Urfassung wollten Szeps, Andrassy und der Franzose Clemenceau erreichen, dass Rudolf ein neues politisches Bündnis ohne Preußen unterstützt. Hier geht es ohne den Franzosen, dafür mit Graf Karolyi um eine Trennung des Kaiserreiches Österreich-Ungarn.
- Kaiserin Sisi taucht zweimal auf, einmal im Traum und am Ende bei der Nachricht des Todes von Rudolf.
Textliche Änderungen
Sämtliche Lieder sind umgetextet worden. Dabei weichen sie sinngemäß nicht ab vom Ursprung, aber gewöhnungsbedürftig bleibt es für Kenner durchaus.
Gerade im zweiten Akt haben die Texte aber tatsächlich eher verloren denn gewonnen.
So singt Mary in der alten Fassung die Zeile:
„Vertrau die selbst du fühlst es längst.“
Daraus wird jetzt:
„Tu das was die Liebe dir sagt.“
Vertrau dir selbst ist die unbedingte Aufforderung an Rudolf, er selbst zu sein. Mary fordert ihn mit dieser Zeile auf, sich selbst als Autorität anzuerkennen. Für Rudolf, der mit militärischem Drill aufgewachsen ist und als Soldat die unbedingte Anerkennung einer Autorität quasi im Blut hat, eine ebenso revolutionäre Idee wie die, die er selbst für die Monarchie hegt. Mary unterstützt ihn also dabei, das, was als innere Einstellung noch nicht zu seiner äußerlichen Persönlichkeit gehört, zu überwinden. Darin liegt überdies das unerschütterliche Bekenntnis, dass er eben nicht „falsch“ ist, sondern die Welt um ihn herum.
Es beinhaltet alles, was Mary in Rudolf sieht.
„Tu das, was dir die Liebe sagt“ halte ich in der Aussage für deutlich schwächer.
Hier wird die Liebe zur Autorität gemacht, ein Gefühl, dem Rudolf nur schwer trauen kann, hat er es doch gerade erst zum ersten Mal erfahren. Außerdem reicht Liebe nicht ansatzweise so weit wie ein „Vertrau dir selbst.“ Gerade Rudolf, der hier im Stück vor einer drastischen politischen Entscheidung steht, braucht Vertrauen in sich und sein Urteilsvermögen deutlich mehr, als das Gefühl der Liebe. Dies würde Rudolf nur zu einem Handlanger machen, zu einer Marionette der Gefühle zu Mary. Darauf spielt auch Gräfin Larisch letztes Lied an, insofern würde da passen. Aber ich sehe das anders. Er befreit sich ja aus dieser Liebe, indem er Mary Braganza zuführen will, um seinen eigenen politischen Weg zu gehen.
Auch Prinzessin Stefanies Kracher: Du bleibst bei mir erfährt eine in meinen Augen deutliche Abschwächung: Stefanie singt jetzt „Ich bleibe hier.” Klingt erstmal nicht nach großer Veränderung. Ich halte sie aber für entscheidend. Natürlich geht es Stefanie darum, ihre Stellung am Hof zu bewahren. Sie bleibt hier, da Scheidung im Kaiserhaus keine Option ist. Also wird sie offiziell die Kronprinzessin bleiben. Diese Stellung war der historischen Stefanie auch überaus wichtig.
„Du bleibst bei mir“ hat aber darüber hinaus noch einen zusätzlichen scharfen Aspekt: Mit diesem Satz nimmt sie sich nicht selbst in den Fokus, sondern versucht, Autorität über Rudolf auszuüben. Sie verdeutlicht, dass sein Traum von einem Leben mit Mary ummöglich ist, weil er ihr Ehemann bleiben muss. Stefanie gibt sich hier als Exekutive eines strengen Hofprotokolls, sie droht ihm förmlich damit. Und sie genießt in ihrer eigenen Schmach, dass sie Rudolf mit dem Auslöschen seiner größten Hoffnungen eine entscheidende Demütigung zufügt.
„Unser Weg in die Zukunft“ wird die „Schwelle der Zukunft.“
Hier wollte Rudolf ursprünglich eine „neue Welt der Freiheit“ bauen. Jetzt baut er eine „neue Welt der Träume.“ Rudolf spricht das einfach Volk an. Menschen, die sich geknechtet und ungerecht behandelt fühlen, sehnen sich nicht nach Träumen, sondern nach Freiheit. Insofern finde ich die alte Version deutlich sinniger.
Das sind nur einige von mehreren Beispielen, die mir aufgefallen sind. Insgesamt fällt zudem auf, dass die Texte der Lieder ein wenig glattgezogen klingen. Es fehlt an manchen Stellen eine phonetische Schärfe. Worte, die auf t, k, p enden, klingen akkurater. Diese sind aber seltener als früher. Aufgefallen ist mir das bei Stefanies Lied Ich bleibe hier.
„Sie werden mich in dein Grab legen auf dein Skelett“
ist für mich schon immer eine so krass eindrucksvolle Zeile gewesen, die mir Gänsehaut bereitet immer, wenn ich sie höre. Da habe ich sehr genau drauf geachtet und jetzt lautet diese Zeile
„Ich werde sein die im Grab einmal neben dir liegt.“
Natürlich ist das inhaltlich gleich, aber das Skelett gerade am Ende der Zeile ist zum einen schon in der persönlichen Imagination stärker und setzt zusätzlich auch phonetisch einen harten Akzent.
Mehr Beispiele kann ich leider nicht bieten. Da ich ja über noch kein Hörmaterial verfüge, kann ich nur auf meine Mitschriften zurückgreifen.
Aufgefallen ist mir das aber an mehreren Stellen. Möglicherweise ist das ja genau so gewollte. Das folgere ich beispielsweise aus dem Satz, den Rudolf zu Mary auf dem Ball sagt. Ursprünglich sagt er, er habe „selten eine Frau mit so feiner Klinge kämpfen sehen.“
In dieser Fassung sagt Rudolf: „Ich habe selten eine Frau mit so viel Eleganz kämpfen sehen.“
Und das genau ist textlich der Unterschied zwischen den beiden Fassungen. Ich glaube allerdings, dass ebendiese feine Klingen-Schärfe gut zu der expliziten Bildsprache Balgas gepasst hätte.
Es gibt darüber hinaus auch überaus gelungene Änderungen: Aus dem treibenden „Es ist Zeit zu handeln“ wird in der neuen Fassung „Bringen wir’s zu Ende.“ Gerade vor der Unterschrift unter das verräterische Dokument, das den Kronprinzen am Ende völlig zerstören wird, klingt es wie ein unheilvolles Orakel.
Für Rudolf-Neulinge: Wusstet ihr?
Mehrere Zitate Rudolfs wurden, natürlich schon 2009, im Musical verarbeitet, wenn auch leicht abgewandelt.
So drückt Rudolf eine pessimistische Sicht auf die politische Lage Österreich-Ungarns sowie seine eigene Ohnmacht in einem Brief an seinen ehemaligen Lehrer Graf Latour aus:
„Ich sehe die schiefe Ebene, auf der wir abwärtsgleiten, stehe den Dingen sehr nahe, kann aber keiner Weise etwas thun, darf nicht einmal laut reden, das sagen, was ich fühle und glaube.“
Zwar nicht zur Eröffnung des Burgtheaters 1889, sondern schon zur Eröffnung der Internationalen Elektrischen Ausstellung in Wien 1883 sagte Rudolf den Satz:
„Ein Meer von Licht strahle aus dieser Stadt und neuer Fortschritt gehe aus ihr hervor!“
Die Rollen und ihre Darsteller
Odeo Kuipers als Kronprinz Rudolf

Schon beim ersten Einblick auf der Pressekonferenz konnte man ahnen, dass die Besetzung von Odeo Kuipers als Rudolf eine gute Wahl ist. Die Rolle, die Musical-Superstar Drew Sarich mit seiner besonderen Art zu spielen und zu singen geprägt hat, hinterlässt große Fußstapfen. Und Odeo Kuipers füllt diese Fußstapfen exzellent aus – wenn nicht viel mehr.
Man kann kaum glauben, wieviel Kraft, Verzweiflung und Leidenschaft er aufbringt, um den gefühlvollen Prinz ein ums andere Mal aufblühend und dann wieder zusammenbrechend darzustellen. Hier spannt er darstellerisch und gesanglich den ganzen Raum auf von Ausgelassenheit und liebevoller Zuwendung auf der einen und leiser Verzweiflung bis hin zu lauten Gefühlsausbrüchen auf der anderen Seite. Er zeichnet den tragischen Werdegang des unverstandenen Prinzen bis in die innersten Winkel. So glaubhaft verzweifelt dieser Rudolf an der adligen Gesellschaft, am höfischen Ideal, an der politischen Situation und am Unverständnis seines kalten Vaters.
Die Inszenierung steigert das Leid des Prinzen, verdichtet es zunehmend. Immer weniger Optionen bleiben, bis er schließlich rückwärts zur Wand steht. Seine Tatkraft, die Intelligenz und ein unbedingter Wille, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, werden Stück für Stück in enge Grenzen getrieben.
Odeo Kuipers -der auch optisch dem Kronprinzen gar nicht so unähnlich ist- nimmt den Zuschauer mit in die Seelenwelt dieses Menschen. Exzellent versteht es Kuipers, die Szenerie, innerhalb der sich Rudolf bewegt, immer einengender darzustellen. Mit beeindruckende Körperlichkeit stellt Kuipers diese zunehmende Einengung des eigenen Seins dar, so dass das grausame Ende tatsächlich als Erlösung erkennbar wird.
Dabei überzeugt er mit einer Stimme, in der die Kraft so klar nach außen wirken kann und genauso aber hört man die laute Resignation, das sich Aufbäumen und Hadern mit dem Schicksal. So durchdringend wurde man selten -auch stimmlich- mit einem Schicksal konfrontiert.
Odeo Kuipers liefert mit Rudolf eine Weltklasse-Leistung ab.
Katia Bischoff als Mary Vetsera

Katia Bischoff stattet ihre Mary mit einer großen Menge Selbstbewusstsein aus. Das kann man sehen und hören. Dabei kann sie entwaffnend und kokett wirken und auf der anderen Seite so dramatisch, aber vollkommen selbstverständlich eindringlich, dass man sich entweder vor ihr in Acht nehmen muss oder hofft, dass sie für einen in den Krieg zieht.
Die Art, wie sie Stefanie gegenübertritt ist prinzipiell schon fast unverfroren, aber Katia Bischoffs Mary ist so klar in der Haltung, dass auch Stefanie einfach nichts mehr einfällt dazu.
Sie ist es, die versucht, den Kronprinzen, der sich immer um sich selbst dreht, der nicht weiß, was er wann und wie unternehmen kann, geradlinig von A nach B lotsen kann.
Katia Bischoff und Odeo Kuipers haben sich ideal aufeinander eingelassen, es stimmt die Chemie einfach. Sie geben der Verbindung des ungleichen Paares eine glaubhafte Basis, die so viel mehr als die reine äußerliche Anziehung ist. Da haben sich zwei im Geiste verbündet und so unterschiedlich sie auch sind, so einig sind sie sich in dieser Sache.
Katia Bischoffs reiner Sopran ist eine reine Freude in jeder Szene, und diese Reinheit wird ganz selbstverständlich auch Teil des Charakters von Mary Vetsera. Brillant!
Lucius Wolter als Graf Taaffe

Der hier vorgestellte Graf Taaffe ist nicht so hinterlistig wie Uwe Krögers in 2009. Der war so lauernd gefährlich. Hier zeigt sich Taaffe machtpolitisch mit allen Wassern gewaschen und darüber hinaus deutlich aggressiver.
Lucius Wolter zieht hier eher die Karte des unangenehmen Zeitgenossen, der dank seiner Position einfach keine Rücksicht mehr nehmen muss. Der zwar Manieren hat, aber im Inneren rau und aggressiv wirkt. Dazu passt auch die Konfrontation mit Mary: Diese trifft er im Schlafzimmer des Prinzen, in das er eindringt. Er wird deutlich, dass ihn die Privatsphäre des Prinzen nicht kümmert, dass er keine Grenzen kennt.
Genauso die Art, wie er Gräfin Larisch bedrängt: Taaffe verlässt sich ganz auf seine Position und ist bereit, diese vollends auszunutzen, Grenzüberschreitungen sind für ihn selbstverständliches Mittel zum Zweck.
Wolter bringt nicht nur die äußerliche Statur mit, sondern auch die Kraft in der Stimme. So bedrohlich er in seiner Haltung anderen gegenüber wirken kann, so unterwürfig verhält er sich gegenüber dem Kaiser.
Felix Martin als Kaiser Franz Joseph

Der pflichtbewusste Kaiser findet in Felix Martin einen perfekten Darsteller. Denn fein nuanciert präsentiert uns Felix Martin hier einen Mensch, der sehr kühl wirkt. Allerdings versteht man schnell, dass dies nicht aus dem tiefsten Inneren heraus kommt. Vielmehr hat er wohl schon früh gelernt, seine Emotionen im Griff zu haben. Trotz seiner nach außen geradlinigen Haltung sieht man durchschimmern, dass auch er ein in sich gefangener Mensch ist, auch, wenn er das selbst für sich so gar erkennen würde.
Er stellt seine Überzeugungen aus Gewohnheit nicht mehr in Frage. Franz-Joseph hält sich gewissermaßen an der alten Ordnung fest. Das scheint logisch. Die Verantwortung, die der Kaiser für das riesige Reich trägt, ist so dermaßen groß, dass der Kaiser sie wohl lieber auf die Schultern jener althergebrachten Ordnung legt. Es ist eh heute unverständlich, wie diese Bürde von einem einzigen Mann getragen werden konnte. Und zuletzt scheitert nicht nur Rudolf an eben jener alten Ordnung. Franz-Joseph muss den Selbstmord seines Sohnes verkraften, den er aufgrund seiner Haltung zumindest begünstigt hat. Ein Schlag, von dem sich der Kaiser zeitlebens nicht mehr vollends erholte. Und so zeigt diese Stück auch die Tragödie eines Lebens, dass Franz-Joseph vollends in die Dienste der Krone stellen musste.
In Felix Martins Spiel spürt man sehr deutlich hinter seiner Härte und Kälte ganz leicht diese Unsicherheit, die dem Kaiser vielleicht selbst gar nicht bewusst ist. Franz-Joseph ist ein Ausführender. Das setzt Felix Martin äußerst klug um. Ein weiteres Highlight dieser Inszenierung.
Kristine Emde als Prinzessin Stefanie

Kristine Emde brilliert in einer ganz hervorragenden Cast nochmal extra. Ihre beiden Solos Zu zweit allein und Ich bleibe hier sind mit Worten gar nicht zu beschreiben. Im ersten Lied muss sie der Tatsache ins Auge sehen, dass sie in Rudolf keinen Gefährten finden wird. Dieses für diese Fassung komponierte Lied ist – auch dank der Interpretation von Kristine Emde – ein echter Gewinn, enthüllt es doch das Leid der Kronprinzessin in einer unglücklichen Ehe.
Ich bleibe hier ist lautstark und zwar nicht nur ihre Überzeugung, sondern vielmehr Drohung, Versprechen, Wunsch und Demütigung ihres Ehemannes in einem. Dieser Frust und der Frust darüber, dass Rudolf sich einfach versucht zu nehmen, was er möchte und sie dabei ins Hintertreffen geraten wird, lässt sie schlichtweg explodieren.
Wie sehr diese Ehe Rudolfs Leben dominiert und ihn einengt, wird nochmal deutlich, dass Viel mehr jetzt kein Duett mehr ist, sondern ein Terzett. Stefanie bekommt ihren Anteil in diesem Lied und es wird unmissverständlich klar gestellt, dass sich der Thronfolger auch in privaten Dingen der Krone unterwerfen muss. Kristine Emde stattet Stefanie mit einer adelstypischen Blasiertheit aus, legt dazu die Überheblichkeit einer vom System gestützten Person dazu, die ganz unmajestätisch ausflippt, wenn sich Rudolf so gar nicht an die Spielregeln hält, auf deren Einhaltung sie pocht. Stimmlich brilliert sie in ihren Soli mit ausdrucksstarker, durchdringenden Stimme, die ganz und gar klar bleibt.
Barbara Obermeier als Gräfin Larisch

Die Figur der Gräfin Larisch spannt den Bogen zwischen zwei Welten: Historisch ist sie die Tochter von Sisis ältestem Bruder Ludwig und somit die Nichte der Kaiserin und damit Cousine von Rudolf. Von Sisi selbst an den Hof geholt, geht sie dort ein und aus und ist Rudolf eine enge Vertraute. Gleichzeitig ist sie unehelich geboren: Marie Larisch ist so erst durch die nach der Geburt erfolgte Heirat ihrer Eltern in den Adelsstand erhoben worden.
Ihre Figur hat eine begleitende Funktion für die beiden Hauptfiguren: Gräfin Larisch hat ein Auge auf Mary, hat ein Auge auf Rudolf. Dabei ist sie empathisch und präsent. Sie wird hier nicht als Kupplerin dargestellt. Eher nimmt sie für beide Hauptpersonen eine fürsorgliche Rolle ein. Sie behält den Blick fürs Ganze und ist eine Person, die sich nicht so sehr vereinnahmen lässt. Umso heftiger wehrt sie sich gegen Taaffe und zeichnet somit das Bild einer sinnlichen Frau, die gelernt hat, dass sie auch – oder gerade – als Frau an den richtigen Stellen Grenzen setzen kann und muss, um nicht vollends zerrieben zu werden zwischen den eigenen Interessen und der Politik.
Barbara Obermeier zeigt in ihren Szenen wahrlich eine natürliche Präsenz. Nicht nur aufgrund ihrer extravaganten Aufmachung behält man sie im Blick. Schon allein ihre Art zu Gehen, beschreibt ihre Figur ziemlich genau: Unter dem Mantel der Weiblichkeit betritt sie energetisch und sicher jede Szenerie. Dabei gibt sie sich für die Gesellschaft kokett und berauschend, bei Taaffe um Selbstbewusstsein ringend. Bei ihrem fantastischen Solo, in dem sie Rudolfs Verhängnis quasi vorhersieht, berührt sie mit schwermütige, sorgenvoller Stimme, in der sehr viel Liebe und Achtung für ihren Cousin sowie Trauer um ihn mitschwingt.
Ensemble
Ich kann nicht über jedes Ensemblemitglied so ausufernd schreiben. Allerdings möchte ich erwähnen, dass mich das Ensemble durchwegs begeistert hat:
Kristin Backes als Mizzi – ohnehin meine Lieblingsfigur im Stück – begeistert mich mit ihrer unprätentiösen Art und einnehmender Stimme.

Jakob Pinter ist in Ausstattung und Auftreten ein perfekter Kaiser Wilhelm – ich hab sofort verstanden, warum Rudolf mit dem nicht kann. Wie man quasi preußisch stehen und agieren kann, einfach beeindruckend.

Andre Bauer hat mich mit seiner Stimme als aufrechter Verleger Moritz Szeps ebenso begeistert wie der durch und durch britische Arvid Assarsson als Prinz of Wales. Robert D. Marx war schon in der 2009er Fassung dabei und gibt hier den hier sichtbar langweiligen Herzog von Braganza.

Und Matthias Trattner füllt seine Rolle als Spitzel Willigut ebenfalls mit Bravour aus.

Fazit
Rudolf – Der letzte Kuss ist ein außergewöhnliches und über alle Maßen begeisterndes Stück. Im Festspielhaus Neuschwanstein erweckt Alex Balga in einer Neuinszenierung eine bedrückende Szenerie zum Leben, die die Tragödie des Kronprinz Rudolf und der Baronesse Mary Vetsera nicht nur als Liebesgeschichte erzählt, sondern sie einbettet in das Umfeld der persönlichen Beziehungen des Thronfolgers sowie in das politische Umfeld dieser Zeit.
Balga nutzt dazu große, aber detaillierte und explizite Bildsprache und ein monumentales Bühnenbild. Mit dem musikalischen Arrangement von Koen Schoots und den überbordend exzellenten Darstellern und Darstellerinnen wird das Stück so zu dem Highlight im deutschen Musicalkalender, 2026 das man nicht verpassen darf.
Es gibt wirklich etwas zu entdecken, und es lohnt sich wirklich zu kommen.
Christian Struppeck
Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.
Alle Szenenfotos: Michael Böhmländer fürs Festspielhaus. Alle Schlussapplausfotos: Dr. Joachim Schlosser.
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