Jesus Christ Superstar in Concert wurde an wenigen ausgewählten Terminen in Amstetten, Graz, München und Wien aufgeführt. Als Produzent und Regisseur bringt Lukas Perman mit Drew Sarich als Jesus und Serkan Kaya als Judas ein wahres Dream Team auf die Bühne. In halbszenischer Form bleibt in dieser Inszenierung die Intention eines Rockkonzerts erhalten, in dem beide verwegen und ungezähmt ihre Figuren aufeinander loslassen und das ganze Drama dieser Beziehung elektrisierend bis zum bitteren Ende entfalten.
Inhalt
Judas Iskariot ist der Hauptprotagonist dieser Geschichte, die die letzten sieben Tage des Lebens von Jesus Christus erzählt. Judas sieht Jesus und seine Jünger abgleiten von einer ursprünglichen Heilsidee hin zu einer Heiligenverehrung, in der für die ursprünglichen Inhalte kein Platz mehr ist. Im gleichen Zug verurteilt er die Beziehung Jesus zu Maria Magdalena, die wiederum selbst mit ihren Gefühlen zu Jesus nicht umzugehen weiß. Die Priester Jerusalems sehen in Jesus und der Bewegung, die eine Menge Fans gewonnen hat, eine Gefahr für ihre Stellung und die Ordnung im Land. Sie hoffen, Jesus durch Hinrichtung aus dem Weg räumen zu können. Dafür brauchen sie den Statthalter Pilatus. Dieser hat im Traum eine dunkle Vorahnung der Ereignisse.
Jesus selbst hadert nach Jahren des Predigens und Heilens mit seiner Aufgabe, der er nicht mehr gerecht zu werden scheint. Überdies wird seine Botschaft oft falsch verstanden. Beim Abendmahl am Gründonnerstag versammeln sich die Jünger und Jesus deutet seinen Verrat und Tod an. Es kommt zur Konfrontation mit Judas, der sich aus Sorge um Jesus und die Bewegung, mit den Hohepriestern verbündet hat und ihnen Jesus Aufenthaltsort verraten hat. Vor seiner Verhaftung betet Jesus im Garten Gethsemane aus Angst vor seinem nun unausweichlichen Schicksal. Aber weder Pilatus noch Herodes können sich zunächst dazu durchringen, Jesus zum Tod zu verurteilen. Dennoch muss Judas erkennen, dass Jesus nicht mehr zu retten ist. Seine Schuld wiegt für ihn genauso schwer wie die Tatsache, dass Jesus dieses Opfer von ihm quasi verlangt hat. Verzweifelt wählt er den Selbstmord. Schließlich gibt Pilatus doch den Priestern und dem Volk, das sich gegen Jesus gewendet hat, nach und verurteilt Jesus zum Tod am Kreuz. Nachdem Judas nochmal aufgetaucht ist und die von Jesus selbstgewählte Tat in Frage stellt, stirbt Jesus am Kreuz.
Inszenierung
Vor wenigen Tagen sah ich Jesus Christ Superstar in Heilbronn. Die dortige Inszenierung war unheimlich berührend, weil tiefgründig und aus einer eher spirituellen Idee gewachsen. Mit vollem Orchester und Extrachor wirkte es episch und bisweilen auch sehr atmosphärisch. Die Inszenierung von Lukas Perman hingegen war der totale Gegensatz und vollkommen anders.

Rockkonzert mit Wahnsinns-Stimmen
Jesus Christ Superstar in concert war in erster Linie ein Rockkonzert, das in München seiner Bezeichnung würdig war. Das Stück wird ja ohnehin als Rockoper geführt. Schon in der Ansage wurde eine rockige Unterhaltung gewünscht und diese Konzertintention des nur mit Band gespielten Stückes war schon in der Ouvertüre erkennbar: Lautstarker Rock ohne Schnickschnack. Da tauchte auch noch kein Schauspieler auf. Vollkommene Einstimmung, dass die Musik heute mal nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Hauptdarsteller ist.
An dieser Stelle möchte ich gleich ein paar Worte über die Band verlieren: Gnadenlos gut.
In München geleitet von Jeff Frohner (häufiger Gast im Gärtnerplatztheater), war das allererste Sahne.Die Brillanz der Spielenden, die Liebe zur Musik, ein ehrlicher Enthusiasmus hat da durchgeklunge. Im Deutschen Theater hatte ich oft schon problematische Tonverhältnisse erlebt: Aber am Freitag war die Abmischung schon ziemlich gut, wenn auch der Gesang nahe an der Übersteuerung war. Am Samstag gab es dann gar nichts mehr zu meckern: Bombastisch kam da der Sound daher, laut, fordernd, treibend. Allerdings kann ich nur für die vorderen Reihen im Parkett sprechen (Einmal Reihe 5, also eigentlich 8, und einmal Reihe B, also eigentlich 2).
Die Solisten – was soll ich sagen? Man hört so viele tolle Musiker, die ja auch alle ihr Handwerk gelernt haben. Aber hier war eine Brillanz zu spüren, die sprachlos macht. Besonders bedenken möchte ich an dieser Stelle den Hornisten Sebastian Kolarz-Löschberger. Die Töne, die er seinem Instrument entlockt hat, waren außergewöhnlich (und Hornisten kenn ich einige). Trompeter Simon Plötzeneder und Holzblas-Allrounder Herbert Berger, die Gitarren, die Percussionisten standen dem in nichts nach: Danke für so ein tolles Live-Erlebnis.

Lukas Perman hat Stimmen dazu gecastet, die genau den rockigen Vibe aufnehmen können. Drew Sarich hat das von Natur aus in der Stimme, Lilian Klebow hätte dies mit ihrer kehligen Röhre auch. Serkan Kaya ist vielleicht nicht so rockig von Natur aus, aber der ist Rock in Person: so ein verwegener, unverfrorener und freier Typ. Der weiß, mit seiner Stimme genauso umzugehen wie Thomas Borchert, den man in diesem Genre vielleicht nicht vermutet.
Andreas Kammerzelt wiederum ist mit seinem Bass über alles erhaben. Das war so krass, wie der schon seinen Auftakt genommen hat. Vincent Bueno hat sich genauso eingefügt als junger Wilder. Die insgesamt nur 14 Darsteller haben in meinen Augen super zusammengepasst. Es ist ein spannendes Erlebnis, wenn man statt eines großen Chores diesem Ensemble lauschen kann, in dem man einzelnen Stimmen heraushören kann.
Die Inszenierung einer Rockoper
Der Rest der Inszenierung verhielt sich ebenso wie die Ouvertüre. Sehr aufs Wesentliche konzentriert und ohne Schnickschnack.
Lukas Perman hat das Musical regelrecht auf seine beiden Hauptdarsteller zugeschnitten. Auf der Grundlage dieser treibenden Musik entsteht ein ständiges Ringen mit- und umeinander. Die weibliche Hauptrolle der Maria Magdalena bleibt in ihrer Bedeutung für den Fortgang aufgrund der starken Konzentration auf die beiden Hauptfiguren deutlich zurück.Pilatus‘ Auftritt ist ebenso puristisch inszeniert wie das Zusammentreffen der Hohepriester.
Bühne
Geradlinigkeit auch auf der Bühne: Die Musiker sitzen alle hinten auf der Bühne, davor befindet sich mittig eine kreuzähnliche liegende Metallkonstruktion, dies es den Spielern erlaubt, zweitweise auf drei Ebenen zu spielen oder sie als Sitzgelegenheit zu benutzen. Darüber hinaus gibt es nur noch ein rotes Tuch als Requisit. Es steht symbolhaft für den Schmerz, das Blut Jesu Christi. Mehr braucht es nicht. Gerade Jesus Christ Superstar funktioniert so bescheiden am besten.

Daher hat für mich auch die Einordnung zu Beginn nicht funktioniert. „Irgendwo auf unserem oder einem anderen Planeten“; „Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“. Die folgende Geschichte soll keiner zeitlichen oder örtlichen Festlegung genügen. Leider wählt Perman dann das Wort „Messias“ und ab da war es für mich nicht mehr glaubwürdig. Messias ist hebräisch und ist ein Wort, das aus der Jüdischen Bibel stammt. Messias bezeichnet den weltlichen König der Juden. Wenn die Geschichte aber als universell dargestellt werden soll, ist es kontraproduktiv, sie hier auf eine Glaubensgruppe zu beschränken. Hätte da „Erlöser“ gestanden, ja, dann wäre ich gerade noch mitgegangen. So aber passte das für mich nicht zusammen. Dieses Statement zu Beginn war ebenso überflüssig wie die daraus resultierenden Projektionen der Planeten und ihrer Landschaften. Als Rockkonzert konzipiert, hätte das Stück auch für sich allein gewirkt.

Die Ausstattung dieser In-Concert-Inszenierung zeigt sich sehr reduziert. Es gibt keine Palmwedel, keine Händewaschung des Pilatus, kein Duftöl für Maria. Nicht mal einen Tisch fürs Abendmahl, auch keine Dornenkrone. Nichts, das ablenkt.

Auch die Choreographie bleibt zurückhaltend. Die Bühne ist nicht besonders groß und mit den Musiker und dem Kreuz schon herausfordernd zu bespielen. Die choreographierte Bewegungen der Jünger, beispielsweise beim Hosanna oder beim Tempel waren ziemlich einfach gehalten.
Dass Herodes Jesus in einer Skihalle empfängt, irritiert zunächst. Aber hier spiegelt sich nach außen das Groteske der Situation für Jesus, der das auch immer im Gesichtsausdruck wiedergibt.
Kostüm
Schlichtes Schwarz ist angesagt! Jesus trägt schwarze Hose, weißes Shirt und darüber ein schwarzes ärmelloses offenes Hemd. Alles anderen tragen schwarze Overalls, darunter weiße T-Shirts. Wenn die Jesus-Begeisterung bei Simon ihren Höhepunkt erreicht, reißen sich die Jünger die obere Hälfte vom Leib und erscheinen teilweise in weiß-schwarz wie ihr Messias. Schlüpfen sie in die Rolle des verratenden Volkes, ziehen sie demonstrativ die Overall-Reißverschlüsse bis obenhin zu. Die Priester tragen überdies schwarze Ledermäntel, während Maria im schlichten langen schwarzen Kleid singt.
Schwarz wird mit Tragik, Trauer, Tod und Ende assoziiert, ist aber auch ein Symbol für Macht und Macht und Ohnmacht spielen hier eine zentrale Rolle, siehe unten. Spannenderweise steht schwarz aber in anderen Kulturen, zum Beispiel im Vorderen Orient (wo Jesus herkommt) für Neuanfang. Das hervor blitzende Weiß macht das schwarz umso stärker. Der polarisierende Kontrast dreht sich um Licht und Dunkelheit, Angst und Hoffnung. Und überdies ist schwarz so schlicht wie die Inszenierung, es lenkt einfach nicht ab. Es passt zum Konzertcharakter, dass man sich auf das Wesentliche konzentriert.
Zwei starke Hauptpersonen
Das Wesentliche für den Inhalt der Geschichte sind Judas und Jesus als Mit- und Gegenspieler und darauf konzentriert sich Perman. Er vertraut ganz auf die beiden Darsteller und das funktioniert prächtig.
Judas und Jesus schenken sich im Stück nichts. Wenn einer zweifelt, dann offen und direkt. Zwei Menschen, die sich so agieren trauen, haben eine sichere Basis. So spricht man nur miteinander, wenn man sich im anderen sicher ist bis in die tiefste Tiefe. Diese Sicherheit, die Liebe, die Verehrung ist das Fundament der beiden Figuren und gleichzeitig die ganze Tragik und das Drama dieser Geschichte. Sie ist geprägt durch Konflikt und Konfrontation und kurze Momente der Versöhnung und Zuwendung.
Jesus hat für dieses mit- und umeinander Ringen einen ebenbürtigen Gegenspieler erhalten. Das Stück selbst gibt Judas nie wirklich die Chance auf Augenhöhe. Aber mit Serkan Kaya ist hier ein Judas am Start, der ungeniert beständig um diese Augenhöhe ringt. Der mit Jesus ringt, mit sich ringt, radikal und ausdauernd.

Ich bin wirklich begeistert, denn es heißt immer, dass Jesus Christ Superstar die Geschichte aus Judas Perspektive ist. Dennoch sind die meisten Inszenierungen auf Jesus als Hauptperson zugeschnitten. Und Drew Sarich ist aufgrund seiner absoluten Brillanz sowieso der, dem die Aufmerksamkeit gehört. Hier kolportiert Judas durch die forsche Art von Serkan Kaya unverfroren eine ebenbürtigen Platz für sich an Jesus Seite. Wenn Jesus Peter tröstet, den er vorher selbst mit seinem zukünftigen verräterischen Handeln konfrontiert hat, dann ruft Judas fassungslos mehrfach: Und was ist mit mir (sicher nur aus den vorderen Reihen zu verstehen). Serkan Kaya ist immer drauf und dran, sich seinen Platz zu erkämpfen.

Gethsemane ist der Showstopper schlechthin. Doch wenn es die Perspektive von Judas sein soll, die erzählt wird, dann braucht es einen dramatischen Moment, an dem Judas beteiligt ist. Für ihn gipfelt das Umeinander-Ringen im Aufeinandertreffen beim Abendmahl. Nicht nur, dass er der ist, der Jesus verraten wird, Jesus stellt ihn auch noch vor den anderen an den Pranger. Die Situation eskaliert derart energetisch, das Aufeinandertreffen ist gewaltig, gewaltvoll und dennoch tief emotional. Die beiden gehen sich buchstäblich den Kragen, da wird gestoßen und getreten. Auch den Zuschauer trifft hier eine emotionale Breitseite. So fantastisch verhaken sich da beide Seiten in ihren Gefühlen, verletzen sich, stoßen sich ab, nur, um am Ende zu sehen, dass sie emotional wie funktional aneinander hängen.




Ohnmacht
Das tragende Wort, das mir für diese Inszenierung einfällt, ist Ohnmacht.
Ich habe in meiner schon länger andauernden Zeit als Jesus Christ Superstar Fan noch nie so klar gesehen, aus welcher Ohnmacht heraus Judas handelt. Serkan Kayas Judas ist ohnmächtig. Was auch logisch ist, denn wenn auf der einen Seite eine Allmacht steht, dann muss auf der anderen Seite eine Ohnmacht stehen. Und Jesus verfolgt seinen Plan mit all(er) Macht.
Ohnmächtig muss Judas zusehen, wie Jesus ihn einfach nicht wahrnimmt. Die Ouvertüre nimmt alles vorweg: Judas zieht das rote Tuch vom Kreuz – “my mind is clearer now” – er singt das Kreuz sogar noch einmal an:
“where we all soon will be”.
Er hat eine Weitsicht und eine begründete Sorge und wendet sich an Jesus –
“listen Jesus I dont like what I see”
– aber Jesus ist mit Predigen beschäftigt. Zwar hört er kurz inne, lauscht, aber dann macht er doch so weiter wie immer. Ein ums andere Mal schaltet Judas sich ein, versucht, seine Sorgen anzubringen. Er sorgt sich um Jesus‘ Reputation in Zusammenhang mit der Bekanntschaft zu Maria und er tut es plakativ, hämisch, provokant. Genussvoll spielt Kaya das bis ins kleinste Detail aus. Aber wieder wird er zurückgewiesen.
In den meisten Inszenierungen ist Judas anwesend, wenn Simon seine Pro-Jesus-Kampfrede singt. Aber wann ist er schon mal aufgetaucht, hat die Mitte gestürmt, um Jesus auf eine Gefahr aufmerksam zu machen? Jesus geht zunächst drauf ein, findet das auch unmöglich –
“Neither you Simon nor the fifty thousand nor the romans nor the Jews”.
Judas könnte also zufrieden sein, aber dann:
“nor Judas nor the twelve…”
Jesus zählt hier Judas ebenso zu den Nicht-Verstehern, stellt ihn sogar auf die Stufe der Jünger, gegenüber denen Judas sich ja eigentlich wissend glaubt. Die Enttäuschung, die Ablehnung und der brillante Text dazu wird unfassbar gut umgesetzt.
Ein außergewöhnlicher Serkan Kaya trifft in dieser Szene auf genau den Jesus, den er braucht. Denn Drew bietet Serkan hier auch wirklich viel an: Hat er im Hosanna die Huldigung schon so genossen – deutlich mehr ausgespielt als in den Jahren zuvor –, scheint es völlig um ihn geschehen zu sein, als die Fanfare zu Simons Lied einsetzt. Überschwänglich lässt er sich berauscht vollkommen einnehmen von der Begeisterung seiner Fans. Für Judas ein einziger Affront gegen seine sorgenvollen Gefühle.
Ja, Judas ist tief besorgt, sucht anfangs beim Hosanna sogar deutlich den Ausgleich. Er wirkt auf die Jünger ein, sie sollen eben nicht so laut sein, wie Jesus das auch fordert. Er wendet sich beschwichtigend an die Priester – und wird lautstark von den Jüngern übersungen. Ohnmacht. Judas steht der Situation ohnmächtig gegenüber.
Die Ablehnung und die Ohnmacht lassen es in Judas brodeln. Kaya schiebt sein Unterkiefer beständig hin und her, er schaut auf den Boden, muss Jesus Zurechtweisungen wie ein kleines Kind über sich ergehen lassen und versucht still, sich zu regulieren. Die Regie stellt ihn verdammt oft ins Abseits, wo er isoliert von den anderen scharf das Geschehen beobachtet. Judas muss immer auf Konfrontation gehen, um Augenhöhe herzustellen. Aber Jesus macht jedes mal unmissverständlich klar, dass dieses Kräftemessen zu Jesus Gunsten ausgeht.
Ohnmächtig steht Judas Maria Magdalena gegenüber, die von Jesus verteidigt wird und stimmt ein in Everything is Alright, obwohl nichts für ihn in Ordnung ist. Ohnmächtig steht er den Hohepriestern gegenüber. Zu denen ist er eigentlich nur gekommen, um die Situation vielleicht besser einzuschätzen, vielleicht zu beschwichtigen. Denn das wird hier bei Serkan Kaya ganz klar: Er ist nicht mit dem originären Ziel hergekommen, Jesus zu verraten.
Als Judas die Hohepriester aufsucht, zieht er hypernervös seine Ärmel glatt, streicht sich über die Haare. Er will einen guten Eindruck machen. Das braucht er nicht, wenn er Jesus einfach nur verraten will. Er will ernstgenommen werden mit seiner Sorge. Nachdem er nach zweimaligem Klopfen niemand antrifft, entscheidet er sich, zu gehen. Ich fand das großartig, dass hier gezeigt wird, das die ganze Geschichte hier noch hätte kippen könnte. Der Verrat war nicht geplant. Aber dann wird Judas von den Priestern abgefangen und regelrecht in die Enge getrieben. Sie nehmen ihm die Handlungsfreiheit, sichtbar gemacht dadurch, dass sie das rote Tuch wie eine Barriere um ihn herumlegen. Sie verdichten die Situation auf den einen Ausgang. Ohnmacht. Judas steht dieser Situation ohnmächtig gegenüber. Dreimal muss er anschließend für die Worte des Verrats “in the Garden of Gethsemane” ansetzen, weil ihm die Stimme versagt. Judas muss sich seiner Ohnmacht ergeben. Serkan Kaya lässt sich viel Zeit. Nach den verräterischen Worten bricht er schluchzend zusammen.
Treibend gegen innehaltend
Ich empfand die ganze Geschichte als wahnsinnig dicht und damit schnell. Die Ohnmacht und die Wut entladen sich immer sofort und unmissverständlich. Aber an den zentralen Stellen der Geschichte lassen sich die Protagonisten enorm viel Zeit, da bleibt das ganze Stück auf einmal stehen. So geschehen im von Serkan Kaya brillant ausgespielten Verrat, siehe oben.
Dann gibt die Regie Judas und Jesus gemeinsam eine so innehaltende Szene: der verräterische Kuss. Es ist die letzte Szene, in der beide aufeinander treffen. Nach dem Gethsemane kommt Judas auf die Bühne zu Jesus. Allein, zunächst ohne Priester oder Polizei (nur mit den schlafenden Jüngern). Perman hat das Stück auf diese beiden zugeschnitten und dankbarerweise dürfen sie diesen Moment dann auch weitgehend allein bestreiten.
Lange stehen beide voreinander. Eine letzte Provokation von Judas, der mit beiden Händen eine Geste formt alla: und nun? Ist es das, was du wolltest? Lange dauert es, bis Judas auf Jesus zugeht. Er küsst ihn auf die Stirn, dann auf die Wange bis er schließlich Jesus ganzen Kopf verzweifelt mit Küssen überzieht. Wie er da taumelt in dieser schrecklichen Situation zwischen seinem Opfer und seiner Liebe, ist herzzerreißend. Auf eine innige Umarmung hin folgt die gewaltvolle Distanzierung von Jesus. Jesus taumelt genauso zwischen Liebe und Opfer und muss sich zu dieser Distanz zwingen. Da ist im Gefühl so ein Gleichklang zwischen beiden zu spüren, so viel gemeinsam getragenes Leid, die Bürde der unausgesprochenen Opfer auf beiden Seiten. Das ist überwältigend. Das geht tief, genauso wie ein letztes Ineinander-Verhaken, das Jesus in Versöhnungsabsicht erzwingt, als Judas an ihm vorbeigehen will. Es ist eine letzte Geste einer Verbundenheit.
Nach dem ausgelassenen Superstar von Judas findet das letzte Innehalten bei Jesu Tod am Kreuz statt. Drew Sarich, the Godfather aller Jesus-Darsteller, löst das eindringlich und verursacht Gänsehaut und Tränenströme, wenn er schwer und immer schwerer atmet. Viel Zeit nimmt er sich, dieses leidvolle Ende zu gestalten. Jeder Moment wird zur Qual, nicht nur für ihn. Das dieses Sterben ein so langes ist, die Geschichte hier innehält, honoriert auch die Musik: Das Sterben passiert in vollkommener Stille, nicht – wie sonst – unterlegt mit Musik.
Rollen und ihre Darsteller
Jesus: Drew Sarich
Ich habe schon so viel über Drew als Jesus geschrieben, und ich kann mich ja nur immer Superlativen ausdrücken. Es ist wahrhaft ein unfassbares Geschenk, diesen Mann in dieser Rolle ein ums andere Mal sehen zu dürfen. Er kennt diese Rolle in- und auswendig und hat sie schon vor Jahren perfektioniert. Drew Sarich lebt das, und man weiß haargenau, was man kriegt, wenn man Drew als Jesus sieht. Und nicht ein einziges Mal wird man enttäuscht, nicht bei einem einzigen Ton. Drew verzückt sein Publikum mit einer stimmlichen Interpretation, die es so einfach nicht noch einmal gibt. Diese überragende Exzellenz auch im Schauspiel lässt einen Schaudern, und dass die auch noch so selbstverständlich erscheint nach so vielen Jahren und Vorstellungen ist nahezu unbegreiflich.
Intensiv zum Beispiel die Momente, in denen er selbst dem Schicksal nicht auskommt: Das Entsetzen in seinen Augen, wenn sein Plan offensichtlich wird. Egal, ob da die Jünger singen “would you die for me” oder ob er selbst für sich nochmal zusammenfasst:
“to conquer death you only have to die.“
Stirbt er schussenlich am Kreuz, ist für die Zuschauer dieses Leid kaum auszuhalten.
Viel Neues muss Drew Sarich der Rolle des Jesus also nicht hinzufügen. Aber er reagiert bravourös auf seinen Mitspieler. Und auf Serkan Kaya muss man reagieren können. Frech bietet der einfach was an. Und Drew nimmt es. Das ergibt im Zusammenspiel bei aller Erwartbarkeit der Situation so eine vibrierende Spannung. Man weiß, was kommt, aber nicht wie. Da ich beide Münchner Aufführungen gesehen habe, kann ich auch bestätigen: Das ist auch in jeder Vorstellung komplett anders. Beide reagieren da auch auf das Publikum.


Judas: Serkan Kaya
Oh Lord, ich bin gesegnet. So lange erhofft, hat mich das Judas-Jesus-Paar Serkan Kaya und Drew Sarich wie erwünscht, einfach umgehauen.
Ich bin ein so großer Serkan Kaya-Fan, weil der so eine Unverfrorenheit hat. Wie er singt, wie er spielt. Sein Judas ist auf der eine Seite so provokant und auf der anderen Seite so ohnmächtig. Immer, wenn er mit Drew in der Interaktion ist, scheint alles zu vibrieren. Da ist so eine Spannung, weil er sich so rebellisch gibt gegenüber dem Heiland, dem sich alle nur zu gern unterwerfen.
Schon zu Beginn wird das augenscheinlich: Zur Superstar-Fanfare knien sich alle Jünger nieder, nur Judas bleibt aufrecht, schaut sich um, und hat erst mal gar kein Verständnis für diese Huldigung. Diesem eigensinnigen Statement folgen noch weitere. Dieser Judas verteidigt seine Sicht der Dinge und macht seinen Punkt unmissverständlich klar. Serkan Kaya ist vollkommen kompromisslos in dem, was er anbietet und ist für mich genau der Judas, den ein Drew Sarich braucht. Punkt. Ich kann mir keine bessere Paarung vorstellen.
Je „unerhörter“ – im wahrsten Sinne des Wortes un-erhöhrt – er sich Jesus gegenüber benimmt, desto stärker werden auf der anderen Seite Verzweiflung und Ohnmacht. Serkan Kayas Judas gibt über eine Stunde als lang alles, wirklich alles. Und dennoch steht er am Ende vor dem Nichts: Er konnte weder sich noch Jesus retten. “I dont know how to love him”: Was hätte er denn tun sollen? Wie hätte er seine Liebe dennoch anders zeigen sollen? Die Ohnmacht, die er das ganze Stück über ausgehalten hat, zurückgedrängt hat, überkommt ihn mit aller Kraft. In meinen Augen wurde Judas Schicksal nie tragischer gezeigt.
Ich konnte mich kaum von der Figur lösen. Auch in Szenen, in denen der Fokus nicht auf ihm lag, hat Serkan Kaya 100%ige Aufmerksamkeit meinerseits generiert. Denn dieser Judas ist unbefangen, beherzt, verwegen, rebellisch und dabei loyal, treu und liebend.
Gesanglich ist Serkan Kaya genauso ungebändigt wie im Spiel. Der phrasiert gerne, singt nicht nur, sondern spricht dabei, entwirft Konzepte, verfolgt Gedanken, verleiht bestimmten Teilen Aufmerksamkeit. Dass der sich auch gerne mal von der Melodie löst, ist da fast die logische Folge. Ich liebe das.


Maria Magdalena: Lilian Klebow
Die Inszenierung ist auf die zwei Hauptdarsteller zugeschnitten. Folglich muss Maria Magdalena da ein bisschen blasser bleiben, als es man es allgemein hin vielleicht meint, was zunächst mal kein Problem ist. Lilian Klebow hat prinzipiell eine starke Stimme, die vom Typ her total in dieses Stück und wie es hier auf die Bühne gebracht wurde, passt. Gleich zu Beginn ist sie im Zusammenspiel mit Judas und Jesus auch gut dabei.

Danach aber hat sie zunehmend das Problem, dass sie von der Regie zu stark alleine gelassen wird. Sie bekommt da zu wenig Führung und leider schafft sie es daraufhin auch nicht, ihre Rolle tiefer zu gestalten. Ihre Songs wirken abgekoppelt vom Rest, isoliert, nicht eingebettet. Und so bleibt sie leider auch in der Darstellung unter ihren Möglichkeiten. Bisweilen hatte sie auch Intonationsprobleme. Sehr schade um diese starke Stimme. Mit mehr Unterstützung hätte das sicher gut werden können.
Pilatus: Thomas Borchert
Ach, welche Wohltat. Ich persönlich hätte Thomas Borchert gar nicht mit dieser Rolle assoziiert. Aber Thomas Borchert ist stimmlich eine Granate und ein Vollprofi obendrein. Der hat so perfekt den Ansatz der Inszenierung aufgenommen. So viel Bühnenzeit hat er als Pilatus ja nicht, aber in der, die er hatte, war er mitten in genau dieser Adaption. Wie er gerade am Ende ebenfalls sich dieser Ohnmacht ergeben musste, war einfach einzigartig. Er hat das so verdichtet, von der eigenen Ungläubigkeit zu Verständnislosigkeit bis hin zur Ohnmacht vor dem ihn unter Druck setzenden Volk.

Thomas Borchert hat eine fabelhafte Artikulation und Sprechkultur. Das verleiht seinem Pilatus eine ganz natürliche Erhabenheit und Autorität als dramatisches Extra obendrauf. Umso erschütternder der Moment, an dem diese erhabene Autorität bricht. Väterlich-zärtlich hält er den gefolterten Jesus: How can I help you?
Und wie auch bei Judas folgt aus der Ohnmacht ein drastischer Wutausbruch, mit dem sich Jesus konfrontiert sieht. Das war brillant gesteigert. Zudem singt er seinen Text nicht nur, sondern phrasiert ihn bisweilen, setzt Schwerpunkte, lenkt Aufmerksamkeit.
Er hat den Zuschauer in seinen Songs genauso mitgenommen in dieses Stück wie Drew und Serkan das bei ihren Liedern gemacht haben und hat die Gefühlswelt dieses Pilatus offengelegt.
Herodes: Georgij Makazaria
Georgij Makazaria hat mich sehr mit seiner klaren Stimme begeistert. Er hat eine wunderbare hämische Leichtigkeit an den Tag gelegt.
Sein Herodes empfängt Jesus in einer Skihalle. Das sind jene grotesken Vergnügungshallen, in denen man bei 40 Grad Außentemperatur drinnen Skifahren kann. Ein wahrlich bizarrer Auftritt mit Glitzerskibrille und pink bebommelmützten Skihaserln.
Herodes fordert das Publikum zum Klatschen auf. Er gibt Melodiestücke vor und fordert das Publikum auf, nachzusingen. Und das „Volk“ tut es. Wirkt ohne zu Denken und zu Zögern mit am Spektakel. Bei der Verhöhnung von Jesus Christus? Geht Demagogie so leicht? Sind wir alle so anfällig? Eine amüsante, übersteigerte Szene ist offenbar tiefer als es auf den ersten Blick scheint.

Kaiaphas: Andreas Kammerzelt
Andreas Kammerzelt hat mit seinem ersten Ton schon gewonnen für mich. Außergewöhnlich, dieser präzise Bass, der diesen Kaiaphas autoritär und unheilvoll wirken lässt. Sehr schnörkellos stellt er Kaiaphas dar, seine Priester präsentieren sich ebenso. Da gibt es kein Taktieren. Sehr geradlinig wirkt das auf mich und damit ist ebenfalls die Idee der Inszenierung erfüllt worden.

Fazit
Jesus Christ Superstar, inszeniert von Lukas Perman, und gesehen an beiden Aufführungstagen im Deutschen Theater München, war für mich ein absolutes Highlight. Die Inszenierung gibt sich – nur mit Band gespielt – rockig und geradlinig und verlässt sich sehr auf seine beiden Hauptdarsteller Drew Sarich und Serkan Kaya. Diese Rechnung geht für mich in jeder Hinsicht glänzend auf. Drew Sarich ist spielerisch wie gesanglich einmal mehr Perfektion von Anfang bis Ende, während Serkan Kaya mit seiner unkonventionellen Art eine unglaubliche emotionale Tiefe erzeugt. Miteinander wirken sie elektrisierend und erzählen die Geschichte von Jesus Christus mit einer vibrierenden Spannung.
Mit brillantem Ton ergibt sich so ein, trotz manch kritikwürdiger Regieentscheidung, überragendes Konzert, dass in dieser Konstellation der Hauptdarsteller unbedingt wiederholungswürdig scheint.
Alle Fotos: Dr. Joachim Schlosser Fotografie







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